Ehre
“Wie kannst du uns nur so etwas antun?”, fragte Ferys aufgebracht und starrte auf das Hologramm ihres Bruders, der nur leicht das Gesicht verzog. Beide hatten die Diskussion leid, jedoch konnte die Turianerin nicht einfach so hinnehmen, dass ihr einziger Bruder, den sie jahrelang verehrt hatte, sich von der Familia abwandte und stattdessen versuchte der Welt ohne Gesetzen seine eigenen Regeln aufzuzwängen. “Hat Vater dir gesagt, dass du mich wieder kontaktieren sollst?”
Bei ihren Gesprächen, die sie von Zeit zur Zeit führten, kam stets diese Frage. Viele hätten bei dieser Frage gedacht, dass der Mann ihr Vorwürfe machte. Doch Ferys, die gerade mal ihre Ausbildung beendet hatte und in die Fußstapfen ihres Vaters treten wollte bei der C-Sicherheit für Recht und Ordnung zu sorgen, wusste es besser. Garrus wollte sich erkundigen, ob der strenge Vater noch von ihm sprach. Tiefe Trauer griff nach dem Herzen der jungen Frau, als ihre Schultern sich leicht senkten und sie an dem Stoff ihrer Kleidung fingerte. Jedes Mal aufs Neue brach es ihr beinah das Herz ihrem Bruder die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Die Kommunikation über die Komm-Bake war das persönlichste, was die beiden Geschwister die letzten Jahre gehabt hatten. “Garrus, er spricht nicht mehr von dir.” Ferys suchte beinah verzweifelt den Augenkontakt. Die hellen Augen ihres Bruders zuckten zur Seite, sie hatte dennoch den Schmerz darin gesehen. Rekkus Vakarian war ein strenger, sehr auf Ordnung bedachter Mann, dem die Einhaltung von Regeln am wichtigsten war. Danach kam das Gesetz als ganzes, seine Arbeit und erst dann kamen seine beiden Kinder, die schon früh damit hatten leben müssen, dass sie, wenn sie die Gunst ihres Vaters ergattern wollten, brav und gut sein mussten. Anfangs hatte das Geschwisterpaar dies auch geschafft, sie hatten nie daran geglaubt, dass die Auffassung von Recht, die Rekkus hatte, falsch sein könnte. Erst nachdem Garrus gemerkt hatte, dass er als C-Sicherheitsbeamter nicht viel machen konnte, hatte auch seine jüngere Schwester Ferys begriffen, dass eine eigene Meinung wichtig war. Im Gegensatz zu ihrem Bruder, der viele falsche Sachen aus den richtigen Gründen machte, lag ihr etwas daran den Familienfrieden zu wahren. Unter Umständen hätte sich der Turianer auch noch an die Einschränkungen gewöhnt und alles hätte wieder besser werden können, wäre nicht dieser Menschencommander Shepard aufgetaucht. Er hatte Garrus dazu verleitet seine Familie hinter sich zu lassen und sich selbst über das Gesetz zu stellen. Etwas was Rekkus seinem einzigen Sohn wohl nie verzeihen würde. Beide wussten das, trotzdem sagte Ferys: “Komm zurück, Garrus. Vielleicht kannst du ja Ausbilder werden, oder du steigst wieder bei der C-Sicherheit ein.”
Sie ignorierte das Schnauben von Garrus und fuhr fort: “Vater würde dir bestimmt verzeihen!”
So lange hatte Ferys ihrem Bruder nachgeeifert, hatte ihn in Schutz genommen, selbst wenn er seine Entscheidungen nicht verstanden hatte. Selbst jetzt, wo er auf einer Raumstation saß und gegen die Söldnereinheiten kämpfte, versuchte sie verzweifelt ihm zu helfen und ihn nicht zu verlieren.
Nachdem Shepard gestorben war, hatte sowohl sie, als auch der Vater gehofft, dass Garrus zur Besinnung kommen würde, dass sie wieder eine Familie sein würden. All diese Hoffnung lag nun in Stücken vor ihr, zerbrochen an dem Drang ihres Bruders die Welt zu verbessern.
Das orange Bild ihres Bruders flackerte kurz, während wohl beide darüber nachdachten, was sie jemanden sagen konnten, der sie nicht mehr verstand. Einst hatten die beiden sich stumm und blind verstanden, Shepard schien all dies zerstört zu haben. Es fiel Ferys leicht alle Schuld dem toten Spectre zu geben, als einzusehen, dass Garrus einfach nicht wie sie oder Rekkus war. Er wollte den Schwachen helfen, egal ob das Gesetz es ihm verbot oder nicht. “Ferys, wir beide wissen, dass er mir das nie verzeihen würde. Ich habe mit einem Spectre zusammengearbeitet, allein das muss ihn doch in den Wahnsinn treiben. Wahrscheinlich ignoriert er einfach, dass wir die Citadel gerettet haben, nicht wahr? Ihm fiel es schon immer leicht über so etwas hinwegzusehen. Für ihn bin ich nur ein Gesetzesbrecher.” Erschrocken weiteten sich die blauen Augen der jungen Frau. Es war beängstigend, wie gut Garrus die Wahrheit getroffen hatte. Beide schwiegen erneut. Sie hätten auch für immer schweigen können, solange die Turianerin wüsste, dass es dem Mann gut ginge. Allein dass er am Leben war, erschien ihr wie ein Wunder. Wer konnte schon sagen, dass er fast alleine an diesem schrecklichen Ort überlebt hatte?
“Geht es dir gut?”, fragte Ferys, nur um noch einmal sicher zu gehen.
“Mit mir ist alles in Ordnung”, kam die zweistimmige Antwort. Anders als bei den Menschen, hörte er sich bei den Turianern stets so an, als würden zwei Personen gleichzeitig sprechen.
Garrus trug seine Panzerung. Er trug immer die Panzerung, wenn die beiden sich sahen, was sowieso schon viel zu selten war. Oft hinterließ sie Nachrichten auf seinem Terminal, doch die ignorierte er weitgehend. Und wenn er dann mal Kontakt mit ihr aufnahm, war er bis zu den Zähnen bewaffnet, als würde er erst mit Ferys sprechen, wenn es sein könnte, dass er in den nächsten Stunden stirbt. “Gib Acht auf dich, verstanden? Sonst schwöre ich, dass ich dich suchen und töten werde, Garrus Vakarian!” Die Stimme der jungen Schwester hatte sich geändert. Sie hörte sich jetzt mehr nach der Soldatin an, die sie eigentlich war. Es half Ferys so zu sprechen. Dann fühlte sie sich stark und so, als könnte sie Garrus im Ernstfall wirklich helfen.
Gerade setzte der Turianer zu einer Antwort an, da hörte Ferys das heftige Klopfen von jemanden, der es wirklich eilig hatte. Ohne sich zu verabschieden beendete Garrus die Übertragung und Ferys stand alleine in ihrer kleinen Wohnung, die direkt über der ihres Vaters lag. Obwohl es Rekkus vor allem um Regeln ging, wollte er seine Tochter nicht genauso verlieren, wie seinen Sohn.
“Bitte stirb jetzt nicht, Bruder”, hauchte sie der trostlosen Wand entgegen. Die Turianerin wusste, dass ihr Bruder wirklich ein guter Schütze war, aber sie wusste auch, dass ihm das nicht helfen würde, wenn zehn Kroganer über ihn herfallen würden.
In dieser Nacht starb Garrus Vakarian nicht. Ihm geschah etwas viel schlimmeres, er verlor sein gesamtes Team. Bei späteren, kürzeren Gesprächen konnte Ferys diese Tatsache nur erahnen. Ihr Bruder schien sich schuldig zu fühlen, alles an ihm schrie nach Vergeltung und Rache. Jedoch konnte sie nie herausfinden, was genau passiert war. Jedes Mal, wenn sie das Gespräch darauf lenkte, blockte Garrus ab und beendete kurze Zeit später auch schon das Gespräch. Doch auch so hatte Ferys das Gefühl, dass der Bruder ihr immer mehr entglitt. Ihrem Vater entging das nicht. Zwar sprach er aufgrund dieser Tatsache wieder von seinem Sohn, jedoch nicht so, wie die junge Frau es sich erhofft hatte.
Monatelang brach der Kontakt zu Garrus ab. Ferys, die bis jetzt vermieden hatte zur Citadel zu reisen, fand in der Nacht kaum noch Schlaf, so groß war die Angst, dass der Schütze eine Schlacht verloren hatte. Dann hätte die Welt ohne Gesetz ein weiteres, sinnloses Opfer gefordert.
Es dauerte beinah ein ganzes Jahr, bis die eine Nachricht auf ihrem Terminal erschien. Hastig sprang die junge Frau von ihrem Stuhl auf nahm sofort das Gespräch entgegen. So reagierte sie stets, immer in der Hoffnung ihr Bruder könnte sich wieder melden. Statt dem so vertrauten Gesicht ihres Bruders zu sehen, erschien ein Menschengesicht vor ihr. Die Narben auf der einen Seite seines Gesichts hatten ihn verändert, und Ferys konnte kaum glauben, dass vor ihr der tot geglaubte Commander Shepard stand, wenn auch nicht leibhaftig. Ihre blauen Augen funkelten feindselig, gab sie ihm doch immer noch die Schuld an dem Wandel ihres Bruders. “Sie sind tot.”
“Nicht ganz”, kam die knappe Antwort. Er schien diese Aussage schon oft gehört zu haben, so wie er darauf reagierte.
Ferys konnte es kaum fassen, sie unterhielt sich mit einem Toten. Die Nachricht, dass Shepard, der Retter der Galaxie zumindest verschwunden war, hatte wochenlang das Fernsehprogramm bestimmt. Und was wollte der Menschenspectre überhaupt von ihr?
“Also Spectre, was wollen Sie?” Sie wusste nicht wirklich was sie erwartet hatte. Ferys wusste nicht einmal, wieso sie das Gespräch nicht sofort beendete. Dies war nicht ihr Bruder, dies war ein toter Mensch, der anscheinend wieder lebte und nun mit der Schwester seines Gefährten sprach.
Es war, zumindest bei den Turianern, bekannt gewesen, dass sich der Sohn einer langen Folge von C-Sicherheitsbeamten dem Commander angeschlossen hatte, um gegen Saren ermitteln zu können. Ihr Vater hatte vielleicht auch so heftig reagiert, weil es eine Schande war aus dem Dienst auszutreten und erst recht, wenn man einem Menschen hilft. Rekkus Vakarian hatte im Krieg gegen die Menschen gekämpft und viele Kameraden verloren.
Ferys hatte von ihrem Bruder auch erfahren, dass die beiden nicht nur Gefährten waren. Er hatte gesagt, dass er in Shepard jemanden gefunden hatte, der seine Ansichten für Gerechtigkeit teilte.
“Ich bin kein Spectre mehr. Und ich muss dich wohl kaum fragen, ob du seine Schwester bist.” Allein die Tatsache, dass der Retter kein Spectre mehr war, ließ die Turianerin erahnen, dass irgendetwas mit seinem Wiederauftauchen nicht in Ordnung war. Dazu kam dann auch noch, dass er sie duzte. Man duzte nur Freunde, höchstens.
Doch wenigstens hatte die junge Frau nun die Gewissheit, dass es um Garrus ging. Worum auch sonst? Warum sollte er sie sonst kontaktieren? Wieder streckte die Angst ihre Klauen nach dem Leib Ferys aus, doch sie versuchte dem Griff zu entkommen. “Ist etwas mit ihm passiert?”, versuchte sie so unpersönlich wie nur möglich zu fragen. Anscheinend war der Versuch missglückt, denn ein leichtes Lächeln glitt über die Lippen des Mannes. “Er war schon vorher nicht schön, da ändern auch die Narben nichts.”
“Narben?”, fragte Ferys fassungslos, ehe sie sich wieder zusammenriss und wie ihr Vater wirken wollte. Garrus war verletzt, aber zum Glück war er nicht tot. Zumindest noch nicht. Es hieß, dass Shepard schon vorher so gefährliche Missionen gemacht hatte, dass sie mörderisch gewesen waren. Wenn Garrus nun wieder bei ihm war, konnte es jederzeit sein, dass er starb.
“Eine kleine Auseinandersetzung auf Omega. Aber eigentlich wollte ich nur, dass du nun weißt, über welchen Terminal du ihn erreichen kannst. Der Junge macht sich Gedanken, um alles mögliche. Vielleicht schafft es seine Schwester ihn aufzuheitern.”
Ihn aufheitern. Das war nie die Stärke Ferys gewesen. Und sie wollte nicht wissen über welchen Terminal sie ihren Bruder erreichen konnte. Sie wollte ihn wieder in die Arme schließen, sie wollte ihn riechen und mit ihm persönlich sprechen. Jedoch war er viel zu weit entfernt, wahrscheinlich wieder auf einem Schiff. So weit weg von der Heimat, so weit weg von ihr. Alles zog sich in dem Körper der Soldatin zusammen, bei dem Gedanken daran Garrus nie wieder sehen zu können.
Shepard schien dies zu bemerken, zumindest entschuldigte er sich höflich und beendete dann die Verbindung. Ferys, übermannt von Wut auf ihrem Bruder, aber auch dem unbändigen Wunsch ihn wiederzusehen, schloss sich lange Zeit in ihrer Wohnung ein. Immer wieder nahm sie sich vor den Turianer zu kontaktieren, doch dann dachte sie daran, dass er vielleicht nichts von ihr wissen wollte. Immerhin war es Commander Shepard und nicht er gewesen, der sich gemeldet hatte. Außerdem war es vielleicht gefährlich für Garrus, wenn sie Kontakt zu ihm aufnahm. Vielleicht würde die Citadel irgendwie denken, dass ihr Bruder ein Verräter war.
Nie meldete sich einer der beiden. Nie wieder hatten sie Kontakt zu einander, oder sprachen von einander. Bis Garrus Vakarian seinem Freund Shepard erzählte, dass sowohl sein Vater, als auch seine Schwester sich auf Palaven befanden, wo die Reaper alles in Schutt und Asche legten
Montag, 17. Dezember 2012
Samstag, 8. Dezember 2012
Monster
Im Licht der untergehenden Sonne glänzten die silbernen Häuser der Hauptstadt Palavens flammendrot und schufen so das Trugbild einer brennenden Stadt. Dabei hatte Cipritine noch nie gebrannt. Weder als die Kroganer ihre Rebellion gestartet hatten, noch als die Menschen gegen die Turianer gekämpft hatten. Auf diese Tatsache waren alle Turianer unsagbar stolz, denn gemeinsam hatten sie es geschafft etwas zu erschaffen und auch aufrecht zu erhalten, was mächtiger war, als alles andere in dem All. Ihre Gemeinschaft, ihr Militär und ihren Heimatplaneten Palaven.
Doch nun sahen sich die Turianer einer Gefahr gegenüber, die weitaus gefährlich war, als die Flotte der Menschheit oder hunderter Kroganer, den Reapern. Allzu lange Zeit hatte die Bevölkerung darauf vertraut, dass die gigantischen, feindlichen Schiffe es nicht wagen würden Palaven anzugreifen, viel zu groß würde der Widerstand sein. Dieser Traum hatte sich nicht erfüllt, stattdessen kamen, nach einer gewagten Aktion Coronatis, unzählige Reaperschiffe dem Planeten immer näher.
Das Volk hatte schon Aufnahmen von den Reapern gesehen. Es hatte auch gesehen, wie Husks und andere, scheußliche Kreaturen Städte überrannt hatten. Aber so einfach würden es diese Abartigkeiten nicht haben. Alle Turianer, die über 18 Jahre alt waren, hatten eine militärische Ausbildung und jeder Haushalt besaß genügend Waffen, um sich verteidigen zu können.
Schwarze Schemen zeichneten sich mächtig und dunkel gegen die Sonne ab, die gerade eben noch so hell schien, dass Cipritine nicht in völliger Dunkelheit versank. Ein jeder wusste, was das zu bedeuten hatte. Nur die Kinder und Greise wurden in Shuttles gescheucht, damit diese so schnell, wie möglich, Palaven verließen. Obwohl Zera Halin keineswegs zu den jüngsten ihres Volkes gehörte, hatte sie sich strikt geweigert ihre Heimat zu verlassen. Stattdessen legte sie ihre schwere, dunkelrote Rüstung aus alten Tagen an und prüfte noch ein letztes Mal ihr Waffenarsenal. Selbstverständlich würde die Turianerin nicht jedes ihrer Schätzchen im Kampf gegen die Reaper benutzen können, daher musste sie sich gut überlegen, welche Waffen zum Einsatz kommen würden. Die trotz ihres Alters noch trainierte und routinierte Frau war nicht so starrsinnig ausschließlich turianische Waffen bei sich zu tragen. Ihr ging es nur um den Schaden, den sie anrichten konnte. Und der sollte ihrer Meinung nach so groß, wie nur irgend möglich sein. Zera wollte den Reapern beweisen, dass die Turianer aus einem anderen Holz geschnitzt waren, als die Menschen. Sie wollte ihnen eine Lehre erteilen. Niemand konnte so einfach ihre eigene, kleine Welt erschüttern wollen. Für das Fortbestehen ihrer Heimat würde Zera alles geben.
Mit straffen Schritten überwand Zera die wenigen Meter von dem großen Fenster, welches ein schauriges Bild Cipritines bot, zu dem großen Waffenschrank, der ordentlicher war, als alles andere in der kleinen Wohnung. Die Bewegungen ihrer drei Finger waren einstudiert, so oft hatte sie den achtstelligen Zahlencode eingegeben. Nachdem das leise und vertraute Klickgeräusch ertönt war, riss die Turianerin mit dem breiten Gesicht und den großen Augen die Türen auf. Mit behandschuhten Fingern strich die ehemalige Offizieren liebevoll über ihre Sammlung an Waffen. Hauptsächlich besaß sie Sturmgewehre. Zera bevorzugte einfach das schnelle Feuern, weswegen sie auch nur ein einziges Präzisionsgewehr hatte und das hatte ihr der einzige Sohn geschenkt, der jedoch im Krieg gegen die übermächtige Macht der Reaper gefallen war. Allein schon deswegen würde sie alles dafür geben die Kampfkraft der Schiffe zu schwächen. Irix Coronati hatte schon die Flotte der Reaper geschwächt, indem er einen ÜLG-Sprung gewagt hatte und so mitsamt seiner Schlachtschiffe im Herz der Flotte gelandet war. Bevor die großen und in dieser Situation langsamen Schiffe die Einheit zerstört hatten, hatte der Fleet Admiral einige der Kampfschiffe beschossen und diese so unschädlich gemacht.
Nun war es an den Soldaten auf Palaven und der Bevölkerung dem Opfer Wert zu geben und den Feind zurück zu schlagen.
Zera Halin wand sich an den abgegrenzten Bereich, der nur Sturmgewehre beinhaltete. Die pensionierte Soldatin besaß von beinah jeder Rasse ein Sturmgewehr oder eine andere Waffe. Bei ihr hatte sich mit den Jahren tatsächlich so etwas, wie eine Sammelleidenschaft entwickelt. Einige Sekunden grübelte Zera darüber nach, welche Waffe sie bei sich tragen sollte. Dabei schien die Turianerin im Angesicht dessen, was bald bevorstand, beinah gelassen zu sein. Sie hatte schon so einige Kriege miterlebt, hatte auf Missionen, die sie selbst auf die Welt ohne Gesetz geführt hatte, ihre Männer fallen sehen. Die ehemalige Soldatin hatte die Nachricht vom Tod ihres Sohnes bekommen, ohne vor dem Überbringer in Tränen auszubrechen. Die Frau hatte mehr erlebt, als manch anderer, weswegen sie es auch schaffte selbst jetzt Ruhe zu bewahren. In Panik wäre ihr Verstand wie benebelt und man brauchte Verstand, um im Gefecht überleben zu können.
Die Wahl der erfahrenen Turianerin fiel schließlich auf die Chakram Launcher, eine weitgehend unbekannte, geschmuggelte Waffe, die sie einige Credits gekostet hatte. Den hohen Preis machte das Sturmgewehr mit seinem Schaden und seiner Genauigkeit wieder wett, außerdem lag sie Zera leicht in der Hand, was bei einem so heftigen Kampf, wie der der ihr bevorstand, mindestens genauso wichtig war, wie der Schaden. Mit ruhigen Fingern überprüfte Zera Halin die Munition des Gewehrs, wog sie in der Hand und befestigte sie schließlich auf dem Rücken.
Als nächstes griff sie nach einer ihrer Lieblingswaffen. Der Graal-Dornenwerfer war eine von den Kroganern benutzte Schrotflinte, deren Nadelgeschosse große Wunden in das Fleisch des Gegners rissen. Dabei störte es sie wenig, dass wohl weder ein Kroganer, noch ein Turianer von ihrer Wahl begeistert wäre. Hauptsache sie könnte ihrer Heimat, ihren Leuten helfen.
Auch diese Waffe befestigte sie an ihrer Rüstung. Nachdem Zera noch die Blood-Pack-Punisher, ein Souvenir von der Mission auf der Welt ohne Gesetz, an ihrer Hüfte befestigt hatte, drehte sie sich ruckartig um, damit sie aus dem Fenster sehen konnte. Die Umrisse der dutzenden Schiffe war größer geworden, ein jeder konnte nun Einzelheiten der Zerstörer erkennen. Für den ehemaligen Staff Commander bedeutete dies, dass nun ihre Zeit gekommen war. Auf den Straßen tummelten sich schon die jungen und kräftigen Soldaten, sowie die sturen und schwerbewaffneten Bewohner. Das Militär hatte improvisierte Mauern errichtet und gepanzerte Fahrzeuge bereitgestellt. So gut es ging hatte sich die Hauptstadt Palavens auf den Kampf gegen die Reaper vorbereitet.
Dennoch beschlich Zera das Gefühl, dass es dieses Mal einfach nicht reichen würde. Sie hatte grausame und furchteinflößende Dinge über die Schiffe gehört. Vielleicht wäre dieser Macht selbst Palaven nicht gewappnet.
In einem Anflug von Sentimentalität ging sie von der Eingangstür zurück zu ihrem Waffenschrank und schnallte sich das Präzisionsgewehr ihres Sohnes auf den Rücken. Ihr war wohl bewusst, dass das weitere Gewicht sie behindern würde und dass die keineswegs ein so guter Scharfschütze war, wie ihr Sohn einer gewesen war. Aber die reife Frau wollte etwas von ihrem Sohn bei sich tragen.
Mit diesem zusätzlichen Gewicht hastete sie die Treppenstufen in die Eingangshalle hinunter, wobei sie immer zwei Stufen auf einmal nahm. Wie schon bei früheren Missionen schoss nun, kurz vor dem eigentlichen Beginn der Schlacht, das Adrenalin durch ihre Adern und belebte Zera auf eigenartige Weise. Fast fühlte sie sich, wie Mitte Vierzig, in ihren besten Jahren.
Auf den Straßen tummelten sich zahllose Turianer, sie alle starrten wie gebannt auf die heranrasenden Schiffe ihres Feindes. Lange würde der erste Angriff nicht mehr dauern, das war jedem, so auch Zera, durchaus bewusst. In diesem kurzen Moment jedoch herrschte noch Frieden. Es war der Moment bevor die Hölle auf Palaven ausbrach. Mehrere Sekunden absolute Stille und dann ein lautes, surrendes Geräusch, als der erste Laserstrahl Gebäude den Erdboden gleich machte. Wenngleich die silbernen Bauten massiv gewirkt hatten, fielen sie nun innerhalb weniger Augenblicke völlig in sich zusammen und gaben eine Hitze von sich, die rasch auch zu Zera durchkam und das obwohl die ehemalige Offizierin mehrere hundert Meter von dem zerstörten Haus entfernt stand. Sie wollte gar nicht daran denken, wie viele Turianer wohl noch in dem Haus gewesen sein mochten. Oder wie es denen ergangen war, die in unmittelbarer Nähe gewesen waren.
In den Händen hielt sie die kroganische Waffe, wobei sie in diesem Moment damit wenig ausrichten konnte. Ein Schuss auf das Reaper-Schiff wäre sinnlos und reinste Munitionsverschwendung.
Noch ein Laserstrahl zerstörte Gebäude und hinterließ einen tiefen Riss durch die Straße. Trotz der Ordnung, die weiterhin anhielt, schrien einige der Anwesenden. Wer konnte es ihnen verdenken. Auch Zera hätte am liebsten den Mund geöffnet und all ihre Wut, all ihren Verdruss über die Zerstörung ihrer Heimat rausgeschrien. Sie blieb allerdings stumm.
Gebannt blickte Zera Halin in den Himmel und beobachtete geschockt, wie brennende Kometen hinabsausten und mit einem lauten Knall tiefe Krater auf den Straßen hinterließen. In den ersten Sekunden hatte die Turianerin gar nicht begriffen, was dort aus dem Kometen kroch. Erst als der erste Husk mit blaugrauer Haut auf sie zustürmte, war die Soldatin, die Kämpferin in ihr erwacht. Als hätte sie nie ihren Dienst beendet, betätigte sie den Abzug, spürte den Rückschlag und beobachtete, wie zwei Husks von den großen Nadelgeschossen zerfetzt wurden. Auch um sie herum, begann man zu schießen.
Immer wieder wurden die Schreie der Turianer und der veränderten Lebewesen von dem Geräusch eines Lasers oder eines aufprallenden Kometen unterbrochen und jedes Mal waren es mehr Feinde, die durch die Straßen stürmten und ohne Sinn oder Verstand Leute in den Tod zogen.
Lieber wäre Zera auf einer ihrer früheren Missionen erschossen worden, als von diesen seltsamen, unwirklichen Bestien zerfetzt. Die veränderten Menschen waren erstaunlich schnell, aber genauso hirn- und wahllos. Sie mordeten, was vor ihnen stand und achteten nicht auf weiter entfernte Ziele.
Die Zeit verging rasendschnell, doch im selben Moment wieder quälend langsam. Alles erschien Zera viel zu schnell zu gehen, dabei wusste sie, dass es bereits weitaus länger als nur wenige Sekunden dauerte. Während einer kurzen Pause, in der kein Gegner sie bemerkte, huschte ihr Blick über die von Leichen und Blut bedeckten Straßen. Turianer, wie auch Husks und Kannibalen und Wesen, die Zera an Turianer erinnerten, lagen leblos auf dem Beton und stellten potenzielle Hindernisse dar, wenn eine rasche Flucht von Nöten sein sollte.
Erschrocken musste die pensionierte Frau feststellen, dass sie zu einer der letzten gehörten, die in dieser Straße die Stellung hielten. Vom Fenster aus hatte sie gesehen, dass nicht weit von hier, einige Soldaten stationiert waren. Aus dieser Richtung ertönten auch immer noch Stimmen und Schüsse, sodass Zera beschloss sich ihnen anzuschließen. In einer Gruppe war es einfacher sich gegen zehn Husks zu verteidigen, als allein.
Sie wechselte die Waffe zu dem Chakram Launcher und lief, so schnell es ihr Alter und die Panzerung zuließen, um einige Ecken. Mehrmals war sie in eine Gruppe laufender Gegner gestürzt, hatte sich aber auch jedes Mal wieder daraus befreien können. Ein plötzliches Beben unter ihren Füßen und helle Strahlen am Himmel, hatten sie zum Stehenbleiben bewegt.
Genau in diesem Augenblick fiel alles um die ältere Frau zusammen. Laserstrahlen schossen über die Straßen, lösten Turianer, wie auch ihre eignen Leute auf, brachten Häuser zum einstürzen und die Trümmer zum Brennen.
Der erste Brocken traf sie an der Schulter, sodass Zera ein Schmerzensschrei entfuhr und sie das Sturmgewehr fallen ließ. Der zweite, größere Brocken zertrümmerte ihre linke Hand. Erst da begriff die ehemalige Offizierin, dass das Haus neben ihr im Begriff war sie unter sich zu begraben. Ihre gelben Augen weiteten sich fassungslos, während ihre Beine schon begonnen hatten, sich zu bewegen. Da sie verspätet reagiert hatte, schaffte Zera es nicht mehr fort zu kommen. Immer mehr Trümmer prallten neben ihr auf den Boden. Faustgroße Steine rieselten auf sie herab, bis sie, nach einem Treffer am Kopf, stöhnend zu Boden sackte und einige Sekunden später von einer zerberstenden Hauswand begraben wurde.
Dank des Adrenalins, das immer noch durch sie floss, erwachte sie rasch aus ihrer Ohnmacht. Beinah etwas widerwillig öffnete Zera ihre Augen und sah Cipritine brennen. Rauch sammelte sich über den Straßen, die Hitze der brennenden Gebäude war unerträglich und es war fürchterlich leer auf den Straßen.
Langsam schoben sich ihre Hände nach vorne, zogen den schwerfälligen und verletzten Leib unter der Wand hervor, bis nur noch Zeras Bein darunter lag. Egal wie lang und egal wie stark sie daran zog, es schien aussichtslos. Ihre Rüstung hatte sich am Bein an irgendetwas verhakt.
Panisch zog sie heftiger daran, bis ein kaum zu beschreibendes Geräusch erklang und der Schmerz der Turianerin den Atem stahl. Jedoch schaffte sie es nun ihr Bein zu befreien. Ihr Knöchel hing in einen seltsamen Winkel herab und Zera hatte das Gefühl, als würde der Fuß nur noch dank der Rüstung an ihr sein.
Jeder Atemzug schmerzte und ihre Lunge schien ihren Dienst aufgeben zu wollen, dennoch erhob Halin sich. Zitternd und keuchend löste sie ihre Pistole von der Hüfte und hielt sie krampfhaft fest, fast so, als wäre diese Waffe alles, was sie noch hatte. Auf den Straßen tummelten sich keine Feinde mehr, was Zera schon die Hoffnung gab, dass die Reaper vielleicht aufgegeben hatten. Oder Palaven einfach vergessen hatten. Diese schmerzende Hoffnung zerbrach allerdings schon nach wenigen Sekunden in ihre Einzelteile, als ein unmenschlicher Schrei die Straßen erfüllte und das Blut in Zeras Adern gefrieren ließ. Panisch und ruckartig drehte die ehemalige Soldatin sich um sich selber, versuchte die Richtung zu erfassen, aus der dieses Geräusch gekommen war. Am Ende war ihr jedoch nur schwindelig und übel. Der Schrei erklang erneut, hoch, durchdringend und gequält. Da sah die Frau auch den Grund für den Lärm.
Sie waren groß und ausgemergelt, wie Menschen oder dergleichen, die gestreckt worden waren. Alles an ihnen schien dürr und lang zu sein. Die Bestien bewegten sich langsam, doch irgendwie kontrollierter, als die restlichen Feinde. Wie erstarrt stand Zera auf offener Straße und konnte nichts anderes tun, als diese fremdartigen Wesen zu betrachten. Soldaten sollte keine Angst haben. Soldaten sollten jedem Feind ins Auge blicken und mit Würde sterben. Doch in diesem Moment hätte sie nichts lieber getan, als zu schreien oder fortzulaufen.
Beinah schien es so, als hätten die Bestien sie nicht bemerkt, bis sich eine aus der Gruppe löste und laut und hoch schrie. Dann verschwand sie einfach. Plötzlich war dieses Etwas einfach weg. Drei Meter von Zera entfernt, tauchte es wieder auf und verschwand erneut. Immer noch ahnte Zera gar nicht, wem sie da gegenüber stand.
Einen Meter war Es von ihr entfernt, als Es die langen Arme empor hob und eine gigantische, biotischen Schockwelle in die Richtung der Offizierin schleuderte. Erst in diesem Moment wurde ihr klar, was es dort war. Zera hatte Asari immer als schön empfunden, perfekt in ihrem Körperbau und auch in ihrem Wesen. Dieses Ding dort vor ihr hatte nur noch wenig von dem eleganten Geschöpf inne. Aber als wäre ihr ein Schleier von den Augen gefallen, wusste Zera einfach, dass sie eine Asari vor sich hatte.
“Das machen sie also aus uns”, flüsterte sie der Schockwelle entgegen. “Monster.”
Doch nun sahen sich die Turianer einer Gefahr gegenüber, die weitaus gefährlich war, als die Flotte der Menschheit oder hunderter Kroganer, den Reapern. Allzu lange Zeit hatte die Bevölkerung darauf vertraut, dass die gigantischen, feindlichen Schiffe es nicht wagen würden Palaven anzugreifen, viel zu groß würde der Widerstand sein. Dieser Traum hatte sich nicht erfüllt, stattdessen kamen, nach einer gewagten Aktion Coronatis, unzählige Reaperschiffe dem Planeten immer näher.
Das Volk hatte schon Aufnahmen von den Reapern gesehen. Es hatte auch gesehen, wie Husks und andere, scheußliche Kreaturen Städte überrannt hatten. Aber so einfach würden es diese Abartigkeiten nicht haben. Alle Turianer, die über 18 Jahre alt waren, hatten eine militärische Ausbildung und jeder Haushalt besaß genügend Waffen, um sich verteidigen zu können.
Schwarze Schemen zeichneten sich mächtig und dunkel gegen die Sonne ab, die gerade eben noch so hell schien, dass Cipritine nicht in völliger Dunkelheit versank. Ein jeder wusste, was das zu bedeuten hatte. Nur die Kinder und Greise wurden in Shuttles gescheucht, damit diese so schnell, wie möglich, Palaven verließen. Obwohl Zera Halin keineswegs zu den jüngsten ihres Volkes gehörte, hatte sie sich strikt geweigert ihre Heimat zu verlassen. Stattdessen legte sie ihre schwere, dunkelrote Rüstung aus alten Tagen an und prüfte noch ein letztes Mal ihr Waffenarsenal. Selbstverständlich würde die Turianerin nicht jedes ihrer Schätzchen im Kampf gegen die Reaper benutzen können, daher musste sie sich gut überlegen, welche Waffen zum Einsatz kommen würden. Die trotz ihres Alters noch trainierte und routinierte Frau war nicht so starrsinnig ausschließlich turianische Waffen bei sich zu tragen. Ihr ging es nur um den Schaden, den sie anrichten konnte. Und der sollte ihrer Meinung nach so groß, wie nur irgend möglich sein. Zera wollte den Reapern beweisen, dass die Turianer aus einem anderen Holz geschnitzt waren, als die Menschen. Sie wollte ihnen eine Lehre erteilen. Niemand konnte so einfach ihre eigene, kleine Welt erschüttern wollen. Für das Fortbestehen ihrer Heimat würde Zera alles geben.
Mit straffen Schritten überwand Zera die wenigen Meter von dem großen Fenster, welches ein schauriges Bild Cipritines bot, zu dem großen Waffenschrank, der ordentlicher war, als alles andere in der kleinen Wohnung. Die Bewegungen ihrer drei Finger waren einstudiert, so oft hatte sie den achtstelligen Zahlencode eingegeben. Nachdem das leise und vertraute Klickgeräusch ertönt war, riss die Turianerin mit dem breiten Gesicht und den großen Augen die Türen auf. Mit behandschuhten Fingern strich die ehemalige Offizieren liebevoll über ihre Sammlung an Waffen. Hauptsächlich besaß sie Sturmgewehre. Zera bevorzugte einfach das schnelle Feuern, weswegen sie auch nur ein einziges Präzisionsgewehr hatte und das hatte ihr der einzige Sohn geschenkt, der jedoch im Krieg gegen die übermächtige Macht der Reaper gefallen war. Allein schon deswegen würde sie alles dafür geben die Kampfkraft der Schiffe zu schwächen. Irix Coronati hatte schon die Flotte der Reaper geschwächt, indem er einen ÜLG-Sprung gewagt hatte und so mitsamt seiner Schlachtschiffe im Herz der Flotte gelandet war. Bevor die großen und in dieser Situation langsamen Schiffe die Einheit zerstört hatten, hatte der Fleet Admiral einige der Kampfschiffe beschossen und diese so unschädlich gemacht.
Nun war es an den Soldaten auf Palaven und der Bevölkerung dem Opfer Wert zu geben und den Feind zurück zu schlagen.
Zera Halin wand sich an den abgegrenzten Bereich, der nur Sturmgewehre beinhaltete. Die pensionierte Soldatin besaß von beinah jeder Rasse ein Sturmgewehr oder eine andere Waffe. Bei ihr hatte sich mit den Jahren tatsächlich so etwas, wie eine Sammelleidenschaft entwickelt. Einige Sekunden grübelte Zera darüber nach, welche Waffe sie bei sich tragen sollte. Dabei schien die Turianerin im Angesicht dessen, was bald bevorstand, beinah gelassen zu sein. Sie hatte schon so einige Kriege miterlebt, hatte auf Missionen, die sie selbst auf die Welt ohne Gesetz geführt hatte, ihre Männer fallen sehen. Die ehemalige Soldatin hatte die Nachricht vom Tod ihres Sohnes bekommen, ohne vor dem Überbringer in Tränen auszubrechen. Die Frau hatte mehr erlebt, als manch anderer, weswegen sie es auch schaffte selbst jetzt Ruhe zu bewahren. In Panik wäre ihr Verstand wie benebelt und man brauchte Verstand, um im Gefecht überleben zu können.
Die Wahl der erfahrenen Turianerin fiel schließlich auf die Chakram Launcher, eine weitgehend unbekannte, geschmuggelte Waffe, die sie einige Credits gekostet hatte. Den hohen Preis machte das Sturmgewehr mit seinem Schaden und seiner Genauigkeit wieder wett, außerdem lag sie Zera leicht in der Hand, was bei einem so heftigen Kampf, wie der der ihr bevorstand, mindestens genauso wichtig war, wie der Schaden. Mit ruhigen Fingern überprüfte Zera Halin die Munition des Gewehrs, wog sie in der Hand und befestigte sie schließlich auf dem Rücken.
Als nächstes griff sie nach einer ihrer Lieblingswaffen. Der Graal-Dornenwerfer war eine von den Kroganern benutzte Schrotflinte, deren Nadelgeschosse große Wunden in das Fleisch des Gegners rissen. Dabei störte es sie wenig, dass wohl weder ein Kroganer, noch ein Turianer von ihrer Wahl begeistert wäre. Hauptsache sie könnte ihrer Heimat, ihren Leuten helfen.
Auch diese Waffe befestigte sie an ihrer Rüstung. Nachdem Zera noch die Blood-Pack-Punisher, ein Souvenir von der Mission auf der Welt ohne Gesetz, an ihrer Hüfte befestigt hatte, drehte sie sich ruckartig um, damit sie aus dem Fenster sehen konnte. Die Umrisse der dutzenden Schiffe war größer geworden, ein jeder konnte nun Einzelheiten der Zerstörer erkennen. Für den ehemaligen Staff Commander bedeutete dies, dass nun ihre Zeit gekommen war. Auf den Straßen tummelten sich schon die jungen und kräftigen Soldaten, sowie die sturen und schwerbewaffneten Bewohner. Das Militär hatte improvisierte Mauern errichtet und gepanzerte Fahrzeuge bereitgestellt. So gut es ging hatte sich die Hauptstadt Palavens auf den Kampf gegen die Reaper vorbereitet.
Dennoch beschlich Zera das Gefühl, dass es dieses Mal einfach nicht reichen würde. Sie hatte grausame und furchteinflößende Dinge über die Schiffe gehört. Vielleicht wäre dieser Macht selbst Palaven nicht gewappnet.
In einem Anflug von Sentimentalität ging sie von der Eingangstür zurück zu ihrem Waffenschrank und schnallte sich das Präzisionsgewehr ihres Sohnes auf den Rücken. Ihr war wohl bewusst, dass das weitere Gewicht sie behindern würde und dass die keineswegs ein so guter Scharfschütze war, wie ihr Sohn einer gewesen war. Aber die reife Frau wollte etwas von ihrem Sohn bei sich tragen.
Mit diesem zusätzlichen Gewicht hastete sie die Treppenstufen in die Eingangshalle hinunter, wobei sie immer zwei Stufen auf einmal nahm. Wie schon bei früheren Missionen schoss nun, kurz vor dem eigentlichen Beginn der Schlacht, das Adrenalin durch ihre Adern und belebte Zera auf eigenartige Weise. Fast fühlte sie sich, wie Mitte Vierzig, in ihren besten Jahren.
Auf den Straßen tummelten sich zahllose Turianer, sie alle starrten wie gebannt auf die heranrasenden Schiffe ihres Feindes. Lange würde der erste Angriff nicht mehr dauern, das war jedem, so auch Zera, durchaus bewusst. In diesem kurzen Moment jedoch herrschte noch Frieden. Es war der Moment bevor die Hölle auf Palaven ausbrach. Mehrere Sekunden absolute Stille und dann ein lautes, surrendes Geräusch, als der erste Laserstrahl Gebäude den Erdboden gleich machte. Wenngleich die silbernen Bauten massiv gewirkt hatten, fielen sie nun innerhalb weniger Augenblicke völlig in sich zusammen und gaben eine Hitze von sich, die rasch auch zu Zera durchkam und das obwohl die ehemalige Offizierin mehrere hundert Meter von dem zerstörten Haus entfernt stand. Sie wollte gar nicht daran denken, wie viele Turianer wohl noch in dem Haus gewesen sein mochten. Oder wie es denen ergangen war, die in unmittelbarer Nähe gewesen waren.
In den Händen hielt sie die kroganische Waffe, wobei sie in diesem Moment damit wenig ausrichten konnte. Ein Schuss auf das Reaper-Schiff wäre sinnlos und reinste Munitionsverschwendung.
Noch ein Laserstrahl zerstörte Gebäude und hinterließ einen tiefen Riss durch die Straße. Trotz der Ordnung, die weiterhin anhielt, schrien einige der Anwesenden. Wer konnte es ihnen verdenken. Auch Zera hätte am liebsten den Mund geöffnet und all ihre Wut, all ihren Verdruss über die Zerstörung ihrer Heimat rausgeschrien. Sie blieb allerdings stumm.
Gebannt blickte Zera Halin in den Himmel und beobachtete geschockt, wie brennende Kometen hinabsausten und mit einem lauten Knall tiefe Krater auf den Straßen hinterließen. In den ersten Sekunden hatte die Turianerin gar nicht begriffen, was dort aus dem Kometen kroch. Erst als der erste Husk mit blaugrauer Haut auf sie zustürmte, war die Soldatin, die Kämpferin in ihr erwacht. Als hätte sie nie ihren Dienst beendet, betätigte sie den Abzug, spürte den Rückschlag und beobachtete, wie zwei Husks von den großen Nadelgeschossen zerfetzt wurden. Auch um sie herum, begann man zu schießen.
Immer wieder wurden die Schreie der Turianer und der veränderten Lebewesen von dem Geräusch eines Lasers oder eines aufprallenden Kometen unterbrochen und jedes Mal waren es mehr Feinde, die durch die Straßen stürmten und ohne Sinn oder Verstand Leute in den Tod zogen.
Lieber wäre Zera auf einer ihrer früheren Missionen erschossen worden, als von diesen seltsamen, unwirklichen Bestien zerfetzt. Die veränderten Menschen waren erstaunlich schnell, aber genauso hirn- und wahllos. Sie mordeten, was vor ihnen stand und achteten nicht auf weiter entfernte Ziele.
Die Zeit verging rasendschnell, doch im selben Moment wieder quälend langsam. Alles erschien Zera viel zu schnell zu gehen, dabei wusste sie, dass es bereits weitaus länger als nur wenige Sekunden dauerte. Während einer kurzen Pause, in der kein Gegner sie bemerkte, huschte ihr Blick über die von Leichen und Blut bedeckten Straßen. Turianer, wie auch Husks und Kannibalen und Wesen, die Zera an Turianer erinnerten, lagen leblos auf dem Beton und stellten potenzielle Hindernisse dar, wenn eine rasche Flucht von Nöten sein sollte.
Erschrocken musste die pensionierte Frau feststellen, dass sie zu einer der letzten gehörten, die in dieser Straße die Stellung hielten. Vom Fenster aus hatte sie gesehen, dass nicht weit von hier, einige Soldaten stationiert waren. Aus dieser Richtung ertönten auch immer noch Stimmen und Schüsse, sodass Zera beschloss sich ihnen anzuschließen. In einer Gruppe war es einfacher sich gegen zehn Husks zu verteidigen, als allein.
Sie wechselte die Waffe zu dem Chakram Launcher und lief, so schnell es ihr Alter und die Panzerung zuließen, um einige Ecken. Mehrmals war sie in eine Gruppe laufender Gegner gestürzt, hatte sich aber auch jedes Mal wieder daraus befreien können. Ein plötzliches Beben unter ihren Füßen und helle Strahlen am Himmel, hatten sie zum Stehenbleiben bewegt.
Genau in diesem Augenblick fiel alles um die ältere Frau zusammen. Laserstrahlen schossen über die Straßen, lösten Turianer, wie auch ihre eignen Leute auf, brachten Häuser zum einstürzen und die Trümmer zum Brennen.
Der erste Brocken traf sie an der Schulter, sodass Zera ein Schmerzensschrei entfuhr und sie das Sturmgewehr fallen ließ. Der zweite, größere Brocken zertrümmerte ihre linke Hand. Erst da begriff die ehemalige Offizierin, dass das Haus neben ihr im Begriff war sie unter sich zu begraben. Ihre gelben Augen weiteten sich fassungslos, während ihre Beine schon begonnen hatten, sich zu bewegen. Da sie verspätet reagiert hatte, schaffte Zera es nicht mehr fort zu kommen. Immer mehr Trümmer prallten neben ihr auf den Boden. Faustgroße Steine rieselten auf sie herab, bis sie, nach einem Treffer am Kopf, stöhnend zu Boden sackte und einige Sekunden später von einer zerberstenden Hauswand begraben wurde.
Dank des Adrenalins, das immer noch durch sie floss, erwachte sie rasch aus ihrer Ohnmacht. Beinah etwas widerwillig öffnete Zera ihre Augen und sah Cipritine brennen. Rauch sammelte sich über den Straßen, die Hitze der brennenden Gebäude war unerträglich und es war fürchterlich leer auf den Straßen.
Langsam schoben sich ihre Hände nach vorne, zogen den schwerfälligen und verletzten Leib unter der Wand hervor, bis nur noch Zeras Bein darunter lag. Egal wie lang und egal wie stark sie daran zog, es schien aussichtslos. Ihre Rüstung hatte sich am Bein an irgendetwas verhakt.
Panisch zog sie heftiger daran, bis ein kaum zu beschreibendes Geräusch erklang und der Schmerz der Turianerin den Atem stahl. Jedoch schaffte sie es nun ihr Bein zu befreien. Ihr Knöchel hing in einen seltsamen Winkel herab und Zera hatte das Gefühl, als würde der Fuß nur noch dank der Rüstung an ihr sein.
Jeder Atemzug schmerzte und ihre Lunge schien ihren Dienst aufgeben zu wollen, dennoch erhob Halin sich. Zitternd und keuchend löste sie ihre Pistole von der Hüfte und hielt sie krampfhaft fest, fast so, als wäre diese Waffe alles, was sie noch hatte. Auf den Straßen tummelten sich keine Feinde mehr, was Zera schon die Hoffnung gab, dass die Reaper vielleicht aufgegeben hatten. Oder Palaven einfach vergessen hatten. Diese schmerzende Hoffnung zerbrach allerdings schon nach wenigen Sekunden in ihre Einzelteile, als ein unmenschlicher Schrei die Straßen erfüllte und das Blut in Zeras Adern gefrieren ließ. Panisch und ruckartig drehte die ehemalige Soldatin sich um sich selber, versuchte die Richtung zu erfassen, aus der dieses Geräusch gekommen war. Am Ende war ihr jedoch nur schwindelig und übel. Der Schrei erklang erneut, hoch, durchdringend und gequält. Da sah die Frau auch den Grund für den Lärm.
Sie waren groß und ausgemergelt, wie Menschen oder dergleichen, die gestreckt worden waren. Alles an ihnen schien dürr und lang zu sein. Die Bestien bewegten sich langsam, doch irgendwie kontrollierter, als die restlichen Feinde. Wie erstarrt stand Zera auf offener Straße und konnte nichts anderes tun, als diese fremdartigen Wesen zu betrachten. Soldaten sollte keine Angst haben. Soldaten sollten jedem Feind ins Auge blicken und mit Würde sterben. Doch in diesem Moment hätte sie nichts lieber getan, als zu schreien oder fortzulaufen.
Beinah schien es so, als hätten die Bestien sie nicht bemerkt, bis sich eine aus der Gruppe löste und laut und hoch schrie. Dann verschwand sie einfach. Plötzlich war dieses Etwas einfach weg. Drei Meter von Zera entfernt, tauchte es wieder auf und verschwand erneut. Immer noch ahnte Zera gar nicht, wem sie da gegenüber stand.
Einen Meter war Es von ihr entfernt, als Es die langen Arme empor hob und eine gigantische, biotischen Schockwelle in die Richtung der Offizierin schleuderte. Erst in diesem Moment wurde ihr klar, was es dort war. Zera hatte Asari immer als schön empfunden, perfekt in ihrem Körperbau und auch in ihrem Wesen. Dieses Ding dort vor ihr hatte nur noch wenig von dem eleganten Geschöpf inne. Aber als wäre ihr ein Schleier von den Augen gefallen, wusste Zera einfach, dass sie eine Asari vor sich hatte.
“Das machen sie also aus uns”, flüsterte sie der Schockwelle entgegen. “Monster.”
Sonntag, 2. Dezember 2012
Ein Mann wie ein Bär
Bis vor wenigen Minuten war es im Huerta Memorial Hospital vergleichsweise ruhig gewesen. Wie immer lagen einige Dauerpatienten auf der Station oder welche, die schon bei dem kleinsten Anzeichen für Schnupfen, eilig zum Doktor rannten und sich danach auch nicht mehr so schnell wegschicken ließen. Genau deswegen saß Doktor Lauren Harris auch weit nach hinten gelehnt mit einem Stift zwischen den Lippen in einem gemütlichen Sessel. Für die blonde Ärztin gab es einfach an einem ruhigen Tag wie diesem, außer dem langweiligen Papierkram kaum etwas zu tun.
Bis plötzlich eine schnarrende Stimme verzerrt aus dem Lautsprecher tönte: “Sofort …”, doch da wurde die Stimme auch schon übertönt, von Doktor Vettisch, der mit tiefer Bassstimme einige Ärzte, darunter auch Laurel, zu sich rief. “Ich weiß wohin wir müssen. Also los!” Woher genau der Chefarzt das wusste, war jedes Mal ein Rätsel. Aber durch dieses Rätsel schaffte es das Team auch immer rechtzeitig einzutreffen.
Auf dem Weg zu dem nahegelegenen Geschäften erklärte der hünenhafte Mann mit den überraschend flinken Fingern, was genau geschehen war. “Anscheinend eine Prügelei zwischen einem Menschen und einem Kroganern. Wir wissen nicht genau, wie schlimm es steht, aber wenn sein Gegner ein Kroganer war, könnte es unschön werden. Also macht euch bitte auf vieles gefasst.”
Im Lauftempo erreichten das Team schließlich den Ort des Geschehens und Laurel konnte kaum fassen, was sie da sah. Dabei verstörte sie gar nicht so sehr das Blut, das zerstörte Geschäft oder der brüllende Kroganer, der von fünf Leuten der C-Sicherheit festgehalten werden musste, sondern viel mehr, dass der Mensch noch auf beiden Beinen stand. Oder zumindest versuchte er es, was bei dem unnatürlichen Winkel des Beines, der wahrscheinlich durch das Verrutschen der Kniescheibe verursacht wurde, schmerzhaft sein musste. Ein großspuriger Turianer hielt den Chefarzt und den Blondschopf auch prompt von der Arbeit ab, damit er sie erst einmal belehren musste, dass sie ja erschöpft aussahen und dergleichen. Die typischen Sticheleien eines unzufriedenen Arbeiters, die Laurel beim Anblick des hispanischen Mannes ignorierte. Doktor Vettisch musste sich gezwungener Maßen noch weiter um die Förmlichkeiten kümmern, da der Verletzte nicht sterbend am Boden lag. Doch die junge Frau stapfte, das Medigel schon in den Händen haltend, auf den bärenähnlichen Mann zu.
Doktor Hen, ein unerfahrener und leicht einzuschüchternder Mann mit schwarzen Haar stand mit hängenden Schultern vor dem Verletzten und versuchte anscheinend mit leiser Stimme irgendetwas zu bewirken. Bei dem Gebrüll des Kroganers bezweifelte Laurel, dass der Mann überhaupt irgendetwas von dem verstand, was ihr Kollege da von sich gab.
“Da bist du ja”, sagte Hen sogleich. Man sah ihm die Erleichterung deutlich an, was sie selber als ziemlich unprofessionell empfand. Dabei durfte sie so etwas eigentlich gar nicht erst denken. Doktor Harris war schon mehrmals wegen ihrer eigenwilligen Methoden aufgefallen.
“Was ist hier das Problem?”, fragte sie, aber eher an den blutenden Mann gewandt, der sie aus hellbraunen Augen musterte. Sein Gesicht verriet keinen Schmerz, was Laurel eigenartig fand. Bei solchen offensichtlichen Verletzungen, wie dem verdrehten Knie und den offenen Wunden im Gesicht und Brustkorb, hätte jeder normale Mensch zumindest schwer geatmet.
“Der Patient will sich nicht untersuchen lassen.”
Verwundert weiteten sich ihre Augen etwas. “Stimmt das?”, fragte sie nun deutlich den erwähnten Mann, der sogar die Arme vor dem Brustkorb verschränkte. “Das ist nichts, was nicht Medigel beheben könnte”, gab er wie selbstverständlich von sich.
“Wie heißen Sie?”
“Lieutenant James Vega.” Er klang nun deutlich wie ein Soldat, was zumindest den unbekümmerten Umgang mit den Wunden erklärte. Kurz wog Laurel ab, wie sie vorgehen sollte. Seine Verletzungen waren weit mehr als kleine Schürfwunden, die er selber behandeln könnte. Die Frage war nur, ob sie den Soldaten höflich darum bitten sollte auf die Krankenstation zu kommen, oder ob sie lieber wild gestikulieren und schimpfen sollte. Die Blondine entschied sich für die zweite Möglichkeit und trat einen Schritt näher an den Patienten heran. Der Größenunterschied war nicht das einzige, was dafür sorgte, dass sie sich auf einmal vorkam, wie eine Maus. Lieutenant James Vega hatte beachtliche Muskelberge, selbst seine Nackenmuskulatur schien gestählt zu sein. Damit war er nicht nur mindestens dreißig Zentimeter größer als die Ärztin, sondern auch noch doppelt so breit. Unfassbar.
“Bei allem Respekt, Lieutenant. Aber ich denke, dass ich besser darüber urteilen kann, als Sie. Mal ganz davon abgesehen, dass ihre Kniescheibe verrutscht ist und sie vermutlich nur unter großen Schmerzen das Bein belasten können, könnte es bei einem Angriff von solcher Wucht auch zu inneren Verletzungen gekommen sein. Falls Sie es bevorzugen die ganze Citadel vollzubluten und am Ende elendig zu verrecken, dann können Sie die Erklärung unterschreiben, dass Sie einen Aufenthalt auf der Krankenstation vermeiden wollen. Falls Sie allerdings noch ein wenig länger Soldat sein wollen, müssen Sie mir folgen und sich dabei am besten stützen lassen.” Den eisigen Blick auf den Lieutenant gerichtet, stemmte Laurel die Hände in die Hüften und erahnte nur den geschockten Blick ihres Kollegen. Vega jedoch schien ihre Vorstellung mehr zu gefallen, als dass er nun wirklich über eine ärztliche Behandlung nachdachte. “Alles klar, Patrona. Sie sind die Ärztin.” Seine Stimme klang amüsiert, auch wenn sein Gesicht keine Regung zeigte. Erst jetzt begriff Laurel, dass er so steinern guckte, damit er das Gesicht nicht vor Schmerz verzog. Zufrieden mit sich und ihrer Leistung nickte die blonde Frau sogar und befahl dann Hen mit einem herrischen Tonfall Vege zu stützen. Behandeln würde sie ihn erst auf der Station, da sie dort auch einfach die besseren Möglichkeiten hatte. Und außerdem würde kein wütender Kroganer wüste Beschimpfungen von sich geben, was die Arbeit erleichtern würde.
“Bitte ausziehen.” Mit einem diabolischen Grinsen auf den Lippen zog Laurel die Handschuhe über. Selbst auf dem Weg hier her hatte sich der Riese immer wieder widersetzt und die Meinung vertreten, dass das alles schon von selber wieder heilen würde. Nach einigen Minuten hatte die Ärztin schon nicht mehr darauf reagiert. Und nun freute sie sich darauf dem Großmaul die Stimme zu stehlen, denn die Behandlung würde keinesfalls allzu schön sein. Das lag weniger an ihrem Wesen, als daran, dass sie die Wunden reinigen musste. Zwar hätte sie James Vega auch ein Schmerzmittel verabreichen können, aber wo blieb dann ihr Spaß?
“Dios, Sie verschwenden aber auch gar keine Zeit oder?”
Darauf erwiderte die Blondine nichts, auch wenn sie weiter grinsend beobachtete, wie Hen dem Soldaten aus der Kleidung half, viel mehr zerschnitt er einfach die Fetzen, da alles andere noch mehr Schmerzen und vielleicht sogar weitere Verletzungen bedeutet hätte.
“Hen, Sie können uns jetzt allein lassen. Vielleicht ist es dem Herren ja unangenehm sich von mir untersuchen zu lassen.”
“Keineswegs, Patrona.”
Froh endlich von diesem eigenwilligen Mann fort zu können, nahm der zweite Doktor die Fluchtmöglichkeit wahr und verschwand aus der Kabine. Laurel konnte es ihm nicht verübeln. James Vega war ein seltsamer Zeitgenosse. Trotz seiner Wunden schaffte er es scheinbar locker und gelassen zu bleiben. Immer lag ihm eine freche Antwort auf der Zunge, sodass es Laurel schwer fiel nicht zu lächeln. Doch die nächsten Minuten wurden auch für den Soldaten nicht leicht. Denn nachdem die Ärztin seinen Körper nach inneren Verletzungen gescannt hatte, machte sie sich daran die Wunden zu säubern. Dafür tunkte sie einen sterilen Lappen in Desinfektionsmittel und begann die offensichtlichste Verletzung, die in seinem Gesicht, zu säubern.
“Und jetzt erzählen Sie mir einmal, wie es dazu kam, dass Sie sich mit einem Kroganer geschlagen haben. Dafür muss man entweder ziemlich dumm oder ziemlich betrunken sein.” Sie konzentrierte sich voll und ganz auf ihre Aufgabe, war aber dennoch etwas zufrieden, als der Patient zusammenzuckte. Die Lösung brannte etwas auf der Haut, aber Laurel machte es lieber so. Würde sie sofort Medigel auftragen, würde es schwer werden die Wunde ordentlich zu säubern. Zischend stieß der kräftig gebaute Mann die Luft aus, ehe er antwortete: “Männer machen so etwas eben.”
Einige Sekunden wartete Laurel vergebens auf ein kleines Lachen oder eine weitere Erklärung, aber der Allianzsoldat blieb stumm und ertrug mit verzogenem Gesicht die Tortur.
“Sie meinen das ernst? Ein Mann muss so etwas tun? Ich habe noch nie gehört, dass ein Mensch mit einem Kroganer gekämpft hat, nur weil beide Männer sind.” Sie konnte ihren Unglauben kaum verbergen. Der Kampf gegen einen Kroganern, einem Volk, dass sowohl für seine Aggression, als auch für seine Widerstandsfähigkeit bekannt war, endete meist tödlich, egal wer antrat. Dass irgendjemand aus männlichem Stolz dieses Risiko einging, war ihr völlig fremd und die Ärztin hätte mit einer plausibleren Antwort gerechnet. Während sie einen neuen Tupfer in die klare Flüssigkeit eintauchte, betrachtete sie James Vegas verkrampften Körper, die Tätowierung, die von dem Oberkörper bis zum Hals reichte und überlegte kurz, ob diese Erklärung für eine Person wie er eine war, vielleicht tatsächlich logisch und nachvollziehbar war. Der hispanische Mann sah eindeutig danach aus, falls man so etwas überhaupt am Aussehen festmachen konnte.
Schon etwas behutsamer reinigte sie eine große Schnittstelle am linken Oberarm, an deren Wundrändern noch immer kleinere Glassplitter waren. Wer den Schaden an dem zerstören Geschäft übernehmen würde, war fraglich.
Am Ende des Tages war der Großteil seines Körpers mit Bandagen und Medigel bedeckt, sodass James sich mehr wie eine Mumie vorkam, als wie ein wirklicher Soldat, der, ganz zu seinem Unwillen, die Auseinandersetzung mit einem jungen und angriffslustigen Kroganer überlebt hatte. Auch wenn er gegenüber der kleinen Ärztin versucht hatte ganz wie sein altes Ich zu wirken, wusste ein Teil von dem Soldaten doch, dass er nie wieder so sein würde. Er hatte auf dem Planeten alles falsch gemacht. Er hatte seinen Captain, der sogar so etwas, wie ein wirklich guter Freund gewesen war, fallen sehen, getötet von diesen wirklich widerlichen Kreaturen. Vier Augen, die einen anstrahlten, erkannten und aufsaugten, bevor sie die Waffen auf einen richteten und nur noch töteten. Selbst heute noch verzog der Soldat bei der Erinnerung dessen, was ihm auf dem kleinen Gesteinsplaneten passiert war, das Gesicht. Zum Glück konnte er es in dieser Situation auf seine Schmerzen schieben, die immerhin auch nicht zu unterschätzen waren.
Die blonde Frau, die es sich vorhin nicht hatte nehmen lassen ihn ein wenig zu quälen, war schon vor einigen Stunden verschwunden und seit dem war James völlig allein. Außer dem Geräusch der ständig piependen Gerätschaften, war es in dem Ruhezimmer vollkommen leise und das obwohl er das Behandlungszimmer sehen konnte. James sah, wie die Ärztin, der er den Spitznamen Patrona gegeben hatte, einem Salarianer Medigel auf eine Schnittwunde in der Handinnenfläche schmierte.
Selbst in seiner Akte bei der Allianz war vermerkt, dass der junge Mann seinen Mitmenschen gerne Spitznamen gab. Als Captain Toni ihn darauf angesprochen hatte, hatte James geantwortet, dass der wirkliche Name manchmal einfach nicht passte. Doktor Harris hatte den Spitznamen wegen ihrer herrischen Art erhalten, da Patrona so viel bedeutete, wie Chefin.
Bei der Erinnerung an den Blick des Captains, wurde dem Soldaten ganz anders. Damals war er gerade erst N6 geworden und eigentlich noch unerfahren, was die Arbeit unter Tonis Kommando betraf.
Und obwohl James Vega noch relativ unerfahren gewesen war, hatte er, nach dem Tod des Captains, das Kommando übernehmen müssen. Dabei war ihm der schlimmste Fehler seines noch jungen Lebens unterlaufen. Damals schien es ihm die einzig richtige Lösung, um die ganze Galaxie zu retten. Denn was war eine einzige Kolonie, gegen alle Planeten, die bis jetzt bevölkert waren? Der kräftige Soldat hatte sie aufgegeben. Er hatte Leben geopfert für eine verdammte Datei, für Informationen, die sich später als nutzlos erwiesen hatten. Selbst als die Menschheit die Informationen über die Kollektoren, ein weitaus unbekanntes und grausames Volk, gebraucht hatte, hatte James sich stets schuldig gefühlt. Nachdem Shepard, der tot geglaubte N7-Soldat, allerdings die Kollektorenbasis zerstört hatte, waren seine Informationen wertlos geworden und der Tod der Kollonisten umsonst.
All seine Muskeln verkrampften sich, während Lieutenant Vega sich die Schuld gab. Dies jedoch nahm er kaum noch wahr. In den letzten paar Wochen hatte er sich rund um die Uhr die Schuld an dem verheerenden Ausgang der Mission gegeben und ein jedes Mal zogen sich all seine Muskeln zusammen, sodass der große, kräftige Mann eher einem alten, zitternden Greis glich, der schon zu viel gesehen hatte. Wahrscheinlich wäre es für ihn einfach gewesen, hätte Toni ihm den Befehl erteilt die Kolonie zu opfern, dann wäre er einer Anordnung gefolgt und hätte die Schuld abwälzen können. Befehlen gehorchte der dunkle Soldat, zumindest meistens. Der schwerstwiegende Befehl, den er je missachtet hatte, war auch der Grund, weswegen er statt auf einem Schiff oder auf der Erde auf der Citadel war und die Zeit gehabt hatte eine sinnlose Prügelei anzuzetteln. Der Nachfolger Captain Tonis, ein älterer, weiser aber dadurch auch vorsichtiger Mann, der James Vega zu einem Psychologen hatte schicken wollen. Für einen Soldaten war dies wohl einer der schwersten Sätze, die man zu hören bekommen konnte. Er war der Beweis gewesen, dass die Allianz seinem Urteilsvermögen nicht mehr traute. Dass sie dachten Vega könne keinen Einsatztrupp er leiten.
Durch die Verweigerung hatte er quasi Zwangsurlaub erhalten. Den er jetzt in einem gewärmten Bett absaß, den Körper mit Schmerzmitteln vollgepumpt und an ihm unbekannte Geräte angeschlossen.
Ungläubig schnaubte er, hob eine Hand und wischte sich über die Stirn, an der ebenfalls ein Verband angebracht worden war. Gerade lehnte er sich in die weichen Kissen zurück, um etwas zu schlafen, da hörte er, wie die Tür geöffnet wurde und jemand auf ihn zukam. Sein erster Impuls war es gewesen, einfach so zu tun, als würde er schlafen. Als dann jedoch ein kaum zu überhörendes Räuspern erklang, wusste James, dass der Plan schon zum Scheitern verurteilt war.
“Ich habe gesehen, dass Sie nicht schlafen, Lieutenant”, kam die Stimme der Ärztin mit den blonden Haaren einige Meter von ihm entfernt. Widerwillig öffnete er die Augen und betrachtete seine Patrona mit den schulterlangen, blonden Haaren und dem etwas zu schmalem Gesicht. Überrascht bemerkte er, dass sie sich die dünnen Lippen nicht hatte aufspritzen lassen. Dank der tausenden Möglichkeiten der sicheren Operationen und Veränderungen an den Genen, gab es kaum noch einen Menschen, der nicht perfekt aussah. James Vega fand diese Gleichheit und diese Perfektion allgemein ermüdend. Denn woran sollte man schon jemanden nach Jahren erkennen, wenn er bis dahin ein völlig anderer Mensch sein könnte?
In ihrem Mund wippte ein Stift auf und ab und das, obwohl heutzutage kaum noch jemand auf Papier schrieb. “Ist denn etwas besonderes?” Seine Stimme klang nicht ganz so locker, wie der Soldat es gewollt hatte und so hoffte er einfach, dass die Ärztin den verkniffen Gesichtsausdruck und die unterkühlte Stimme seinen schweren Verletzungen anrechnete und nicht weiter nachhaken würde.
Doktor Harris setzte sich als Antwort an einen Computer und legte eine kleine Disk ein, deren Inhalt auch augenblicklich wieder gegeben wurde. Augenblicklich verkrampften sich der Körper des Mannes, als er sein eigenes Bild nach dem Abschluss erkannte. Es war unschwer zu erkennen, dass Harris seine Akte eingefordert hatte. Schon jetzt malte sich der Soldat aus, was wohl seine Vorgesetzten von dem Vorfall halten würden. Würden sie es nur als eine Bestätigung seiner Unlabilität sehen?
“Meine Akte”, stieß er hervor und starrte sich selber, wie hypnotisiert an. Wenngleich das Bild höchstens zwei Jahre alt sein konnte, hatte der Mensch darauf sich drastisch geändert.
“Blitzmerker”, gab die blonde Frau gedankenverloren zurück. Sie hatte die Akte schon gelesen, andernfalls würde sie wohl kaum zu ihrem Patienten kommen, ohne ihn untersuchen zu wollen. Dennoch flog der Blick aus den klaren, großen Augen über die Wörter, die in den Raum projiziert wurden. Nach einigen Minuten der Stille zwischen den beiden, fragte die Patrona: “Wieso sind Sie der Allianz beigetreten, Lieutenant Vega?” Der Angesprochene schlussfolgerte aus dieser Frage, dass die Allianz nur die gekürzte Akte zur Verfügung gestellt hatte, anders hätte Harris nicht fragen müssen. Zwar hatte James deswegen die Möglichkeit die herrische Ärztin anzulügen, aber an seinem Grund war nichts verwerfliches oder besonderes. “Mein Onkel war Soldat.” Während der hünenhafte Mann selber die gesamte Zeit das schmale Gesicht der Frau beobachtete, um ihre Reaktion bewerten zu können, ignorierte sie ihn weitgehend. Nur die Fragen deuteten darauf hin, dass Harris den Kontakt mit dem jungen, aber dennoch verbitterten Soldaten suchte. “Woran ist ihre Mutter gestorben?”
James antwortete nicht. Sein Schweigen hatte mehrere Gründe. Erstens kannte er diese Person nicht, zweitens musste er ihren intimen Fragen nicht antworten und drittens schmerzte der Verlust seiner Mutter, auch wenn er schon mehr als zehn Jahre zurücklag.
Laurel Harris bemerkte die lange Pause und sah prüfend auf ihren Patienten herab, ganz so, als sei James ein kleines Kind. Dabei war er um einiges größer, als sie und vielleicht sogar älter. “Wollen Sie mir nicht antworten, Mr.? Ich könnte auch einfach ihren Captain fragen oder einen ihrer Kameraden. Oder erzählen Sie nur ungern von sich selber? Wäre es Ihnen lieber, wenn ich mit meiner Familiengeschichte beginnen würde?” Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, ohne auch nur das Gesicht zu verziehen, hatte ihre Stimme einen ungeduldigen Klang angenommen, der den Lieutenant störte. Es gab keinerlei Grund ihn so auszuquetschen.
“Machen Sie so etwas immer bei ihren Patienten?” Die Stimme des Mannes klang ungewohnt monoton. Früher hätte Vega gar nicht so sprechen können. Er wäre wahrscheinlich jetzt schon an die Decke gegangen und hätte die blonde, zierliche Frau angeschrien. Oder er hätte mit einem flotten Spruch reagiert. Nun kommt es schon soweit, dass du nicht einmal mehr weißt, wie du früher warst, spottete seine innere Stimme, die jedoch schon von Doktor Harris unterbrochen wurde, als sie auf die unfreundliche und nicht ernst gemeinte Frage antwortete: “Nein. Nur bei denjenigen, die nach einer Mission mit tragischen Ausgang suspendiert worden sind und danach gegen einen Kroganer gekämpft haben.”
“Was soll das heißen?”
“Es soll heißen, dass die Allianz wissen will, was einen N6-Agenten dazu verleitet eine solche Dummheit zu begehen.” James war selten sprachlos. Doch jetzt war sein Kopf einfach wie leer gefegt und dem sturen Mann wollte einfach keine passende und schlagfertige Antwort einfallen. Also fragte er müde: “Und nun?”
“Nun führen wir ein langes Gespräch und wenn Sie nicht ehrlich zu mir sind, wenn Sie auch nur daran denken nicht ehrlich zu sein, sorge ich dafür, dass Sie höchstens noch hinter einem Schreibtisch sitzen werden.
Also, was geschah mit Ihrer Mutter?”
Widerwillig erklärte Lieutenant Vega der nicht weniger sturen Ärztin, dass seine Mutter ganz einfach krank gewesenen war und zu arm, um sich in gute, ärztliche Behandlung zu begeben. Es fühlte sich seltsam an einer Frau, die nicht seine Vorgesetzte war, seinen Lebenslauf zu erzählen. Dennoch beantwortete er alle Fragen ehrlich. Knapp, aber ehrlich.
Schließlich kamen die beiden zu der Mission an, die den kräftigen Mann aus der Bahn geworfen hatte. “Was geschah, als Captain Toni gefallen war?”
“Als ranghöchster war es meine Aufgabe den geschrumpften Trupp zu führen. Die Kollektoren waren in der Überzahl, wie schon zu Beginn des Kampfes, doch inzwischen war ihre Kampfkraft erdrückend und ich musste mir Gedanken darüber machen, was ich tun wollte. Ich hatte die Möglichkeit die Information aufzugeben, die uns helfen sollten diese Biester zu töten, und damit die Kolonie zu retten. Allerdings entschied ich mich für die zweite Möglichkeit. Ich rettete die drei meiner Männer und die Informationen.”
“Wieso nur drei ihrer Männer?” Die Frage war dem Soldaten schon zu oft gestellt worden. Wieso nur drei Männer? Wieso hatten es von den sieben, die unter seinen Kommando gestanden hatten, nur drei in das Shuttle geschafft? Sein neuer Captain hatte ihn das gefragt, die Familien hatten ihn das gefragt und stets war James ausgewichen und hatte nur irgendwelche Gründe erfunden. Doch zu dem Doktor war er ehrlich, das erste Mal seit diesem Tag. “Ich habe sie zurücklassen müssen, damit die Kollektoren sich auf sie konzentrierten und nicht auf uns.” Er schluckte laut, als die Wahrheit über seine Lippen gekommen war.
Laurel Harris, die während dem gesamten Gespräches gestanden hatte, trat nun näher an den Bären von Mann heran und griff nach der großen Pranke. “Ich kenne mich nicht mit dem Militär aus. Ich kann mir kaum vorstellen, was dort vorgefallen ist. Aber ich kann ihnen eins sagen: Dieses Opfer musste gebracht werden. Hätten diese tapferen Männe sich nicht geopfert, wären die Kollinisten und ihr gesamter Trupp gestorben. Dazu wären die Information verloren gegangen. Sprich die Mission wäre komplett gescheitert und niemand damit geholfen.”
“Die Information hat nie jemanden geholfen.” Verdutzt zog die junge Frau eine helle Augenbraue in die Höhe. Erklärend fügte James hinzu: “Shepard hat die Kollektorenbasis zerstört, noch bevor man meine Informationen deuten konnte.”
“Hassen Sie Shepard dafür?”
Verwundert starrte er Laurel an. Er hatte nie die Schuld bei Shepard gesucht. Immerhin hatte sein Einsatz die Galaxie gerettet. Ohne den Mann von der Erde, läge er nun nicht mehr hier. Langsam schüttelte James den Kopf und Laurel lachte kurz auf. “Sie sind wirklich seltsam. Wenn Commander Shepard nichts dafür kann, dann können Sie genau so wenig dafür. Oder meinen Sie, er hätte etwas anderes getan? Man muss immer an das große Ganze denken. Sonst wäre jeder Krieg, jeder Kampf zwecklos. Immer sterben Lebewesen, James. Daran kann man gar nichts ändern.”
Bis plötzlich eine schnarrende Stimme verzerrt aus dem Lautsprecher tönte: “Sofort …”, doch da wurde die Stimme auch schon übertönt, von Doktor Vettisch, der mit tiefer Bassstimme einige Ärzte, darunter auch Laurel, zu sich rief. “Ich weiß wohin wir müssen. Also los!” Woher genau der Chefarzt das wusste, war jedes Mal ein Rätsel. Aber durch dieses Rätsel schaffte es das Team auch immer rechtzeitig einzutreffen.
Auf dem Weg zu dem nahegelegenen Geschäften erklärte der hünenhafte Mann mit den überraschend flinken Fingern, was genau geschehen war. “Anscheinend eine Prügelei zwischen einem Menschen und einem Kroganern. Wir wissen nicht genau, wie schlimm es steht, aber wenn sein Gegner ein Kroganer war, könnte es unschön werden. Also macht euch bitte auf vieles gefasst.”
Im Lauftempo erreichten das Team schließlich den Ort des Geschehens und Laurel konnte kaum fassen, was sie da sah. Dabei verstörte sie gar nicht so sehr das Blut, das zerstörte Geschäft oder der brüllende Kroganer, der von fünf Leuten der C-Sicherheit festgehalten werden musste, sondern viel mehr, dass der Mensch noch auf beiden Beinen stand. Oder zumindest versuchte er es, was bei dem unnatürlichen Winkel des Beines, der wahrscheinlich durch das Verrutschen der Kniescheibe verursacht wurde, schmerzhaft sein musste. Ein großspuriger Turianer hielt den Chefarzt und den Blondschopf auch prompt von der Arbeit ab, damit er sie erst einmal belehren musste, dass sie ja erschöpft aussahen und dergleichen. Die typischen Sticheleien eines unzufriedenen Arbeiters, die Laurel beim Anblick des hispanischen Mannes ignorierte. Doktor Vettisch musste sich gezwungener Maßen noch weiter um die Förmlichkeiten kümmern, da der Verletzte nicht sterbend am Boden lag. Doch die junge Frau stapfte, das Medigel schon in den Händen haltend, auf den bärenähnlichen Mann zu.
Doktor Hen, ein unerfahrener und leicht einzuschüchternder Mann mit schwarzen Haar stand mit hängenden Schultern vor dem Verletzten und versuchte anscheinend mit leiser Stimme irgendetwas zu bewirken. Bei dem Gebrüll des Kroganers bezweifelte Laurel, dass der Mann überhaupt irgendetwas von dem verstand, was ihr Kollege da von sich gab.
“Da bist du ja”, sagte Hen sogleich. Man sah ihm die Erleichterung deutlich an, was sie selber als ziemlich unprofessionell empfand. Dabei durfte sie so etwas eigentlich gar nicht erst denken. Doktor Harris war schon mehrmals wegen ihrer eigenwilligen Methoden aufgefallen.
“Was ist hier das Problem?”, fragte sie, aber eher an den blutenden Mann gewandt, der sie aus hellbraunen Augen musterte. Sein Gesicht verriet keinen Schmerz, was Laurel eigenartig fand. Bei solchen offensichtlichen Verletzungen, wie dem verdrehten Knie und den offenen Wunden im Gesicht und Brustkorb, hätte jeder normale Mensch zumindest schwer geatmet.
“Der Patient will sich nicht untersuchen lassen.”
Verwundert weiteten sich ihre Augen etwas. “Stimmt das?”, fragte sie nun deutlich den erwähnten Mann, der sogar die Arme vor dem Brustkorb verschränkte. “Das ist nichts, was nicht Medigel beheben könnte”, gab er wie selbstverständlich von sich.
“Wie heißen Sie?”
“Lieutenant James Vega.” Er klang nun deutlich wie ein Soldat, was zumindest den unbekümmerten Umgang mit den Wunden erklärte. Kurz wog Laurel ab, wie sie vorgehen sollte. Seine Verletzungen waren weit mehr als kleine Schürfwunden, die er selber behandeln könnte. Die Frage war nur, ob sie den Soldaten höflich darum bitten sollte auf die Krankenstation zu kommen, oder ob sie lieber wild gestikulieren und schimpfen sollte. Die Blondine entschied sich für die zweite Möglichkeit und trat einen Schritt näher an den Patienten heran. Der Größenunterschied war nicht das einzige, was dafür sorgte, dass sie sich auf einmal vorkam, wie eine Maus. Lieutenant James Vega hatte beachtliche Muskelberge, selbst seine Nackenmuskulatur schien gestählt zu sein. Damit war er nicht nur mindestens dreißig Zentimeter größer als die Ärztin, sondern auch noch doppelt so breit. Unfassbar.
“Bei allem Respekt, Lieutenant. Aber ich denke, dass ich besser darüber urteilen kann, als Sie. Mal ganz davon abgesehen, dass ihre Kniescheibe verrutscht ist und sie vermutlich nur unter großen Schmerzen das Bein belasten können, könnte es bei einem Angriff von solcher Wucht auch zu inneren Verletzungen gekommen sein. Falls Sie es bevorzugen die ganze Citadel vollzubluten und am Ende elendig zu verrecken, dann können Sie die Erklärung unterschreiben, dass Sie einen Aufenthalt auf der Krankenstation vermeiden wollen. Falls Sie allerdings noch ein wenig länger Soldat sein wollen, müssen Sie mir folgen und sich dabei am besten stützen lassen.” Den eisigen Blick auf den Lieutenant gerichtet, stemmte Laurel die Hände in die Hüften und erahnte nur den geschockten Blick ihres Kollegen. Vega jedoch schien ihre Vorstellung mehr zu gefallen, als dass er nun wirklich über eine ärztliche Behandlung nachdachte. “Alles klar, Patrona. Sie sind die Ärztin.” Seine Stimme klang amüsiert, auch wenn sein Gesicht keine Regung zeigte. Erst jetzt begriff Laurel, dass er so steinern guckte, damit er das Gesicht nicht vor Schmerz verzog. Zufrieden mit sich und ihrer Leistung nickte die blonde Frau sogar und befahl dann Hen mit einem herrischen Tonfall Vege zu stützen. Behandeln würde sie ihn erst auf der Station, da sie dort auch einfach die besseren Möglichkeiten hatte. Und außerdem würde kein wütender Kroganer wüste Beschimpfungen von sich geben, was die Arbeit erleichtern würde.
“Bitte ausziehen.” Mit einem diabolischen Grinsen auf den Lippen zog Laurel die Handschuhe über. Selbst auf dem Weg hier her hatte sich der Riese immer wieder widersetzt und die Meinung vertreten, dass das alles schon von selber wieder heilen würde. Nach einigen Minuten hatte die Ärztin schon nicht mehr darauf reagiert. Und nun freute sie sich darauf dem Großmaul die Stimme zu stehlen, denn die Behandlung würde keinesfalls allzu schön sein. Das lag weniger an ihrem Wesen, als daran, dass sie die Wunden reinigen musste. Zwar hätte sie James Vega auch ein Schmerzmittel verabreichen können, aber wo blieb dann ihr Spaß?
“Dios, Sie verschwenden aber auch gar keine Zeit oder?”
Darauf erwiderte die Blondine nichts, auch wenn sie weiter grinsend beobachtete, wie Hen dem Soldaten aus der Kleidung half, viel mehr zerschnitt er einfach die Fetzen, da alles andere noch mehr Schmerzen und vielleicht sogar weitere Verletzungen bedeutet hätte.
“Hen, Sie können uns jetzt allein lassen. Vielleicht ist es dem Herren ja unangenehm sich von mir untersuchen zu lassen.”
“Keineswegs, Patrona.”
Froh endlich von diesem eigenwilligen Mann fort zu können, nahm der zweite Doktor die Fluchtmöglichkeit wahr und verschwand aus der Kabine. Laurel konnte es ihm nicht verübeln. James Vega war ein seltsamer Zeitgenosse. Trotz seiner Wunden schaffte er es scheinbar locker und gelassen zu bleiben. Immer lag ihm eine freche Antwort auf der Zunge, sodass es Laurel schwer fiel nicht zu lächeln. Doch die nächsten Minuten wurden auch für den Soldaten nicht leicht. Denn nachdem die Ärztin seinen Körper nach inneren Verletzungen gescannt hatte, machte sie sich daran die Wunden zu säubern. Dafür tunkte sie einen sterilen Lappen in Desinfektionsmittel und begann die offensichtlichste Verletzung, die in seinem Gesicht, zu säubern.
“Und jetzt erzählen Sie mir einmal, wie es dazu kam, dass Sie sich mit einem Kroganer geschlagen haben. Dafür muss man entweder ziemlich dumm oder ziemlich betrunken sein.” Sie konzentrierte sich voll und ganz auf ihre Aufgabe, war aber dennoch etwas zufrieden, als der Patient zusammenzuckte. Die Lösung brannte etwas auf der Haut, aber Laurel machte es lieber so. Würde sie sofort Medigel auftragen, würde es schwer werden die Wunde ordentlich zu säubern. Zischend stieß der kräftig gebaute Mann die Luft aus, ehe er antwortete: “Männer machen so etwas eben.”
Einige Sekunden wartete Laurel vergebens auf ein kleines Lachen oder eine weitere Erklärung, aber der Allianzsoldat blieb stumm und ertrug mit verzogenem Gesicht die Tortur.
“Sie meinen das ernst? Ein Mann muss so etwas tun? Ich habe noch nie gehört, dass ein Mensch mit einem Kroganer gekämpft hat, nur weil beide Männer sind.” Sie konnte ihren Unglauben kaum verbergen. Der Kampf gegen einen Kroganern, einem Volk, dass sowohl für seine Aggression, als auch für seine Widerstandsfähigkeit bekannt war, endete meist tödlich, egal wer antrat. Dass irgendjemand aus männlichem Stolz dieses Risiko einging, war ihr völlig fremd und die Ärztin hätte mit einer plausibleren Antwort gerechnet. Während sie einen neuen Tupfer in die klare Flüssigkeit eintauchte, betrachtete sie James Vegas verkrampften Körper, die Tätowierung, die von dem Oberkörper bis zum Hals reichte und überlegte kurz, ob diese Erklärung für eine Person wie er eine war, vielleicht tatsächlich logisch und nachvollziehbar war. Der hispanische Mann sah eindeutig danach aus, falls man so etwas überhaupt am Aussehen festmachen konnte.
Schon etwas behutsamer reinigte sie eine große Schnittstelle am linken Oberarm, an deren Wundrändern noch immer kleinere Glassplitter waren. Wer den Schaden an dem zerstören Geschäft übernehmen würde, war fraglich.
Am Ende des Tages war der Großteil seines Körpers mit Bandagen und Medigel bedeckt, sodass James sich mehr wie eine Mumie vorkam, als wie ein wirklicher Soldat, der, ganz zu seinem Unwillen, die Auseinandersetzung mit einem jungen und angriffslustigen Kroganer überlebt hatte. Auch wenn er gegenüber der kleinen Ärztin versucht hatte ganz wie sein altes Ich zu wirken, wusste ein Teil von dem Soldaten doch, dass er nie wieder so sein würde. Er hatte auf dem Planeten alles falsch gemacht. Er hatte seinen Captain, der sogar so etwas, wie ein wirklich guter Freund gewesen war, fallen sehen, getötet von diesen wirklich widerlichen Kreaturen. Vier Augen, die einen anstrahlten, erkannten und aufsaugten, bevor sie die Waffen auf einen richteten und nur noch töteten. Selbst heute noch verzog der Soldat bei der Erinnerung dessen, was ihm auf dem kleinen Gesteinsplaneten passiert war, das Gesicht. Zum Glück konnte er es in dieser Situation auf seine Schmerzen schieben, die immerhin auch nicht zu unterschätzen waren.
Die blonde Frau, die es sich vorhin nicht hatte nehmen lassen ihn ein wenig zu quälen, war schon vor einigen Stunden verschwunden und seit dem war James völlig allein. Außer dem Geräusch der ständig piependen Gerätschaften, war es in dem Ruhezimmer vollkommen leise und das obwohl er das Behandlungszimmer sehen konnte. James sah, wie die Ärztin, der er den Spitznamen Patrona gegeben hatte, einem Salarianer Medigel auf eine Schnittwunde in der Handinnenfläche schmierte.
Selbst in seiner Akte bei der Allianz war vermerkt, dass der junge Mann seinen Mitmenschen gerne Spitznamen gab. Als Captain Toni ihn darauf angesprochen hatte, hatte James geantwortet, dass der wirkliche Name manchmal einfach nicht passte. Doktor Harris hatte den Spitznamen wegen ihrer herrischen Art erhalten, da Patrona so viel bedeutete, wie Chefin.
Bei der Erinnerung an den Blick des Captains, wurde dem Soldaten ganz anders. Damals war er gerade erst N6 geworden und eigentlich noch unerfahren, was die Arbeit unter Tonis Kommando betraf.
Und obwohl James Vega noch relativ unerfahren gewesen war, hatte er, nach dem Tod des Captains, das Kommando übernehmen müssen. Dabei war ihm der schlimmste Fehler seines noch jungen Lebens unterlaufen. Damals schien es ihm die einzig richtige Lösung, um die ganze Galaxie zu retten. Denn was war eine einzige Kolonie, gegen alle Planeten, die bis jetzt bevölkert waren? Der kräftige Soldat hatte sie aufgegeben. Er hatte Leben geopfert für eine verdammte Datei, für Informationen, die sich später als nutzlos erwiesen hatten. Selbst als die Menschheit die Informationen über die Kollektoren, ein weitaus unbekanntes und grausames Volk, gebraucht hatte, hatte James sich stets schuldig gefühlt. Nachdem Shepard, der tot geglaubte N7-Soldat, allerdings die Kollektorenbasis zerstört hatte, waren seine Informationen wertlos geworden und der Tod der Kollonisten umsonst.
All seine Muskeln verkrampften sich, während Lieutenant Vega sich die Schuld gab. Dies jedoch nahm er kaum noch wahr. In den letzten paar Wochen hatte er sich rund um die Uhr die Schuld an dem verheerenden Ausgang der Mission gegeben und ein jedes Mal zogen sich all seine Muskeln zusammen, sodass der große, kräftige Mann eher einem alten, zitternden Greis glich, der schon zu viel gesehen hatte. Wahrscheinlich wäre es für ihn einfach gewesen, hätte Toni ihm den Befehl erteilt die Kolonie zu opfern, dann wäre er einer Anordnung gefolgt und hätte die Schuld abwälzen können. Befehlen gehorchte der dunkle Soldat, zumindest meistens. Der schwerstwiegende Befehl, den er je missachtet hatte, war auch der Grund, weswegen er statt auf einem Schiff oder auf der Erde auf der Citadel war und die Zeit gehabt hatte eine sinnlose Prügelei anzuzetteln. Der Nachfolger Captain Tonis, ein älterer, weiser aber dadurch auch vorsichtiger Mann, der James Vega zu einem Psychologen hatte schicken wollen. Für einen Soldaten war dies wohl einer der schwersten Sätze, die man zu hören bekommen konnte. Er war der Beweis gewesen, dass die Allianz seinem Urteilsvermögen nicht mehr traute. Dass sie dachten Vega könne keinen Einsatztrupp er leiten.
Durch die Verweigerung hatte er quasi Zwangsurlaub erhalten. Den er jetzt in einem gewärmten Bett absaß, den Körper mit Schmerzmitteln vollgepumpt und an ihm unbekannte Geräte angeschlossen.
Ungläubig schnaubte er, hob eine Hand und wischte sich über die Stirn, an der ebenfalls ein Verband angebracht worden war. Gerade lehnte er sich in die weichen Kissen zurück, um etwas zu schlafen, da hörte er, wie die Tür geöffnet wurde und jemand auf ihn zukam. Sein erster Impuls war es gewesen, einfach so zu tun, als würde er schlafen. Als dann jedoch ein kaum zu überhörendes Räuspern erklang, wusste James, dass der Plan schon zum Scheitern verurteilt war.
“Ich habe gesehen, dass Sie nicht schlafen, Lieutenant”, kam die Stimme der Ärztin mit den blonden Haaren einige Meter von ihm entfernt. Widerwillig öffnete er die Augen und betrachtete seine Patrona mit den schulterlangen, blonden Haaren und dem etwas zu schmalem Gesicht. Überrascht bemerkte er, dass sie sich die dünnen Lippen nicht hatte aufspritzen lassen. Dank der tausenden Möglichkeiten der sicheren Operationen und Veränderungen an den Genen, gab es kaum noch einen Menschen, der nicht perfekt aussah. James Vega fand diese Gleichheit und diese Perfektion allgemein ermüdend. Denn woran sollte man schon jemanden nach Jahren erkennen, wenn er bis dahin ein völlig anderer Mensch sein könnte?
In ihrem Mund wippte ein Stift auf und ab und das, obwohl heutzutage kaum noch jemand auf Papier schrieb. “Ist denn etwas besonderes?” Seine Stimme klang nicht ganz so locker, wie der Soldat es gewollt hatte und so hoffte er einfach, dass die Ärztin den verkniffen Gesichtsausdruck und die unterkühlte Stimme seinen schweren Verletzungen anrechnete und nicht weiter nachhaken würde.
Doktor Harris setzte sich als Antwort an einen Computer und legte eine kleine Disk ein, deren Inhalt auch augenblicklich wieder gegeben wurde. Augenblicklich verkrampften sich der Körper des Mannes, als er sein eigenes Bild nach dem Abschluss erkannte. Es war unschwer zu erkennen, dass Harris seine Akte eingefordert hatte. Schon jetzt malte sich der Soldat aus, was wohl seine Vorgesetzten von dem Vorfall halten würden. Würden sie es nur als eine Bestätigung seiner Unlabilität sehen?
“Meine Akte”, stieß er hervor und starrte sich selber, wie hypnotisiert an. Wenngleich das Bild höchstens zwei Jahre alt sein konnte, hatte der Mensch darauf sich drastisch geändert.
“Blitzmerker”, gab die blonde Frau gedankenverloren zurück. Sie hatte die Akte schon gelesen, andernfalls würde sie wohl kaum zu ihrem Patienten kommen, ohne ihn untersuchen zu wollen. Dennoch flog der Blick aus den klaren, großen Augen über die Wörter, die in den Raum projiziert wurden. Nach einigen Minuten der Stille zwischen den beiden, fragte die Patrona: “Wieso sind Sie der Allianz beigetreten, Lieutenant Vega?” Der Angesprochene schlussfolgerte aus dieser Frage, dass die Allianz nur die gekürzte Akte zur Verfügung gestellt hatte, anders hätte Harris nicht fragen müssen. Zwar hatte James deswegen die Möglichkeit die herrische Ärztin anzulügen, aber an seinem Grund war nichts verwerfliches oder besonderes. “Mein Onkel war Soldat.” Während der hünenhafte Mann selber die gesamte Zeit das schmale Gesicht der Frau beobachtete, um ihre Reaktion bewerten zu können, ignorierte sie ihn weitgehend. Nur die Fragen deuteten darauf hin, dass Harris den Kontakt mit dem jungen, aber dennoch verbitterten Soldaten suchte. “Woran ist ihre Mutter gestorben?”
James antwortete nicht. Sein Schweigen hatte mehrere Gründe. Erstens kannte er diese Person nicht, zweitens musste er ihren intimen Fragen nicht antworten und drittens schmerzte der Verlust seiner Mutter, auch wenn er schon mehr als zehn Jahre zurücklag.
Laurel Harris bemerkte die lange Pause und sah prüfend auf ihren Patienten herab, ganz so, als sei James ein kleines Kind. Dabei war er um einiges größer, als sie und vielleicht sogar älter. “Wollen Sie mir nicht antworten, Mr.? Ich könnte auch einfach ihren Captain fragen oder einen ihrer Kameraden. Oder erzählen Sie nur ungern von sich selber? Wäre es Ihnen lieber, wenn ich mit meiner Familiengeschichte beginnen würde?” Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, ohne auch nur das Gesicht zu verziehen, hatte ihre Stimme einen ungeduldigen Klang angenommen, der den Lieutenant störte. Es gab keinerlei Grund ihn so auszuquetschen.
“Machen Sie so etwas immer bei ihren Patienten?” Die Stimme des Mannes klang ungewohnt monoton. Früher hätte Vega gar nicht so sprechen können. Er wäre wahrscheinlich jetzt schon an die Decke gegangen und hätte die blonde, zierliche Frau angeschrien. Oder er hätte mit einem flotten Spruch reagiert. Nun kommt es schon soweit, dass du nicht einmal mehr weißt, wie du früher warst, spottete seine innere Stimme, die jedoch schon von Doktor Harris unterbrochen wurde, als sie auf die unfreundliche und nicht ernst gemeinte Frage antwortete: “Nein. Nur bei denjenigen, die nach einer Mission mit tragischen Ausgang suspendiert worden sind und danach gegen einen Kroganer gekämpft haben.”
“Was soll das heißen?”
“Es soll heißen, dass die Allianz wissen will, was einen N6-Agenten dazu verleitet eine solche Dummheit zu begehen.” James war selten sprachlos. Doch jetzt war sein Kopf einfach wie leer gefegt und dem sturen Mann wollte einfach keine passende und schlagfertige Antwort einfallen. Also fragte er müde: “Und nun?”
“Nun führen wir ein langes Gespräch und wenn Sie nicht ehrlich zu mir sind, wenn Sie auch nur daran denken nicht ehrlich zu sein, sorge ich dafür, dass Sie höchstens noch hinter einem Schreibtisch sitzen werden.
Also, was geschah mit Ihrer Mutter?”
Widerwillig erklärte Lieutenant Vega der nicht weniger sturen Ärztin, dass seine Mutter ganz einfach krank gewesenen war und zu arm, um sich in gute, ärztliche Behandlung zu begeben. Es fühlte sich seltsam an einer Frau, die nicht seine Vorgesetzte war, seinen Lebenslauf zu erzählen. Dennoch beantwortete er alle Fragen ehrlich. Knapp, aber ehrlich.
Schließlich kamen die beiden zu der Mission an, die den kräftigen Mann aus der Bahn geworfen hatte. “Was geschah, als Captain Toni gefallen war?”
“Als ranghöchster war es meine Aufgabe den geschrumpften Trupp zu führen. Die Kollektoren waren in der Überzahl, wie schon zu Beginn des Kampfes, doch inzwischen war ihre Kampfkraft erdrückend und ich musste mir Gedanken darüber machen, was ich tun wollte. Ich hatte die Möglichkeit die Information aufzugeben, die uns helfen sollten diese Biester zu töten, und damit die Kolonie zu retten. Allerdings entschied ich mich für die zweite Möglichkeit. Ich rettete die drei meiner Männer und die Informationen.”
“Wieso nur drei ihrer Männer?” Die Frage war dem Soldaten schon zu oft gestellt worden. Wieso nur drei Männer? Wieso hatten es von den sieben, die unter seinen Kommando gestanden hatten, nur drei in das Shuttle geschafft? Sein neuer Captain hatte ihn das gefragt, die Familien hatten ihn das gefragt und stets war James ausgewichen und hatte nur irgendwelche Gründe erfunden. Doch zu dem Doktor war er ehrlich, das erste Mal seit diesem Tag. “Ich habe sie zurücklassen müssen, damit die Kollektoren sich auf sie konzentrierten und nicht auf uns.” Er schluckte laut, als die Wahrheit über seine Lippen gekommen war.
Laurel Harris, die während dem gesamten Gespräches gestanden hatte, trat nun näher an den Bären von Mann heran und griff nach der großen Pranke. “Ich kenne mich nicht mit dem Militär aus. Ich kann mir kaum vorstellen, was dort vorgefallen ist. Aber ich kann ihnen eins sagen: Dieses Opfer musste gebracht werden. Hätten diese tapferen Männe sich nicht geopfert, wären die Kollinisten und ihr gesamter Trupp gestorben. Dazu wären die Information verloren gegangen. Sprich die Mission wäre komplett gescheitert und niemand damit geholfen.”
“Die Information hat nie jemanden geholfen.” Verdutzt zog die junge Frau eine helle Augenbraue in die Höhe. Erklärend fügte James hinzu: “Shepard hat die Kollektorenbasis zerstört, noch bevor man meine Informationen deuten konnte.”
“Hassen Sie Shepard dafür?”
Verwundert starrte er Laurel an. Er hatte nie die Schuld bei Shepard gesucht. Immerhin hatte sein Einsatz die Galaxie gerettet. Ohne den Mann von der Erde, läge er nun nicht mehr hier. Langsam schüttelte James den Kopf und Laurel lachte kurz auf. “Sie sind wirklich seltsam. Wenn Commander Shepard nichts dafür kann, dann können Sie genau so wenig dafür. Oder meinen Sie, er hätte etwas anderes getan? Man muss immer an das große Ganze denken. Sonst wäre jeder Krieg, jeder Kampf zwecklos. Immer sterben Lebewesen, James. Daran kann man gar nichts ändern.”
Sonntag, 25. November 2012
Wahre Worte
Der Unterricht war hart. Physisch stellte er für keinen der Schüler eine Herausforderung da, was wohl daran lag, dass sie nur auf ihren Stühlen sitzen mussten. Auch wenn diese alles andere als bequem waren, ließ es sich in dieser Position doch mehrere Stunden aushalten.
Das Anstrengende war der Lernstoff, den die Klasse, bestehend aus knapp zwanzig Schülern im Alter rund um achtzehn, nun schon seit zwei Stunden verinnerlichen sollte. Dabei ging es um etwas weniger spannendes, wie den Aufbau eines Kreuzers. Denn jeder Schüler, auf dessen dunkelblauer Uniform zwei Flügel genäht worden waren, hatte sich bereits für sein gesamtes restliches Leben als Pilot verpflichtet. Natürlich konnte man noch umsatteln und sich später durch feindliche Einheiten metzeln, aber das war eher etwas für diejenigen, die das Gefühl eine schwere Waffe in den Händen zu halten, mochten. Auf Olivia traf dies keinesfalls zu. Es graute der heranwachsende Frau schon bei dem Gedanken das, was sie während der Sporteinheiten gelernt hatte, umzusetzen. Und so war der Entschluss irgendwann einmal Flight Lieutenant zu werden, schon nach kurzer Zeit in der Allianzakademie herangereift. Und auch wenn der Unterricht sich hauptsächlich auf die Theorie stürzte, hatte das Mädchen diese Entscheidung keine einzige Sekunde bereut.
Man sah Olivia deutlich ihre russische Herkunft an, auch wenn es durch die vielen Kontaktmöglichkeiten auf der Erde kaum noch so etwas gab, wie eine typische Russin. Der Großteil der Menschheit hatte eine eher dunklere Hautfarbe, oder chinesische Vorfahren. Anders Olivia Rostav. Ihr kantiges und geradliniges Gesicht sorgten mit dem braunen Haar, dass sie während des Unterrichts zu einem Dutt gebunden hatte, für ein strenges und eben russisches Aussehen. Da tat ihr Nachname sein Übriges.
Als eine schrille Klingel das Ende für den heutigen Schultag verkündete, seufzte das, mit ihren ein Meter fünfzig klein geratende, Mädchen erleichtert auf. Ihr Gehirn schien mit jedem Detail über den Aufbau eines Schiffes angeschwollen zu sein, sodass es sich nun anfühlte, als würde ihr Schädel jeden Moment bersten. Bei dem unschönen Gedanken daran, wie Knochensplitter und Gehirnklümpchen den Boden und die Mitschüler verhunzen würden, verzog die kantige Schönheit den Mund. Aus einem ihr unerfindlichen Grund verabscheute sie jegliche Art von Gewalt. Ihr Vater hatte schon der Allianz gedient. Hatte es sogar zu einem N6 geschafft, da war die Veranlagung seiner Tochter bei dem kleinsten Tropfen Blut einen hysterischen Anfall zu erleiden, ungewöhnlich.
Olivia rutschte von dem Stuhl und hätte sich am liebsten erst einmal gestreckt. In der Anwesenheit von siebzehn weiteren Schülern traute sie sich das aber nicht. Also versprach das braunhaarige Mädchen es ihren Gelenken und Muskeln ganz im Stillen.
Beinah wäre sie ohne ihr Datenpad, der ständige Begleiter auf dem Weg von einem Klassenzimmer in das nächste, aufgesprungen. Im letzten Moment klemmte sie es sich unter den Arm und ging dann auch schon einem humpelnden, schmächtigen Jungen nach, der sich auf einem hässlichen Metallrohr abstützte. Der meist stille Junge erhob sich, wenn auch unter Anstrengung, von seinem Platz, sobald die Glocke ertönte und war deswegen oft schon auf dem Gang, wenn seine Mitschüler noch Gespräche in den Klassenzimmer begannen. “Livy, willst du noch mit zu mir kommen? Ich habe einen neuen Film”, bot Brad, ein großer Schüler, der eher aussah wie ein Mann und Kämpfer, ihr noch an und stellte sich ungehobelt in ihr Blickfeld, sodass sie ihr eigentliches Ziel aus den Augen verlor.
“Nein danke”, schmetterte sie seinen Anmachversuch mit monotoner Stimme ab, bevor Olivia sich an ihm vorbeidrängte und nun ebenfalls auf dem breiten, weißen Gang ankam. Humpelnd und langsam, wie ihr Mitschüler eben war, hatte der dunkelhaarige Junge erst die nächste Abzweigung erreicht, wo andere ihn bereits überholt hatten. “Jeff, warte doch einmal!”, rief Olivia ihm hinterher und beeilte sich Anschluss zu finden, was bei seinem Tempo keine besondere Herausforderung war.
Beide waren dünn, beinah schlaksig. Anders als bei Livy, die einfach sehr nach ihrer Mutter kam, lag es bei Jeff daran, dass er durch seine Krankheit am Sport nicht teilnehmen durfte und so kaum Muskeln aufbaute. Jeff Moreau war der einzige Schüler auf der Akademie, der Glasknochen hatte, der darunter litt. Früher war er in Selbstmitleid versunken, zumindest hatte es für die Siebzehnjährige so ausgesehen. Erst vor einigen Monaten hatte sie sich, nach Jahren des stillen Hinterherschmachtens, getraut den klügsten der Klasse, wenn nicht der gesamten Akademie, anzusprechen.
Zwar litt Jeff immer noch unter der körperlichen Einschränkung, doch all seinen Frust verwandelte er in Willenskraft alles zu erreichen, was er sich vornahm. Und bis jetzt sah es ganz danach aus, als würde das auch hervorragend funktionieren. In zwei Jahren würde er seinen Abschluss machen und Olivias Meinung nach, würde Jeff der Beste sein. Doch da konnte sie nicht ganz objektiv bleiben. Schon fünf Jahren, einer verdammt langen Zeit, konnte sie sich außerhalb der Unterrichtsstunden auf nichts anderes, als auf den sarkastischen Jungen konzentrieren.
“Ich dachte du könntest locker mithalten”, gab er mit ernster Miene zurück. Vor lauter Anstrengung und dem Drang besser zu sein, als jeder andere, lachte Jeff nie. Nicht einmal zu einem kleinen Lächeln ließ er sich hinreißen. Dennoch konnte Olivia gut zwischen einer ernsthaften Beleidigung und einem stichelnden Kommentar unterscheiden. Genau deswegen stahl sich auch ein schmales Lächeln auf ihre Lippen. Sie konnte aber auch schlecht ohne dieses mit ihrem Schwarm sprechen.
“Ich hätte wohl mehr Sport machen sollen. Oder meine Gelenke sind einfach vom stundenlangen Sitzen noch eingerostet. Wobei ich kaum glauben kann, dass es so etwas gibt. Aber was soll’s.” Wieder einmal sprach die durchaus kluge Schülerin in Anwesenheit Jeffs, oder wie er meist nur genannt wurde, Jokers ausnahmslos völligen Unsinn. Ihn selber schien es nicht zu stören. Manchmal sah es sogar danach aus, als würde er den Redeschwall des brünetten Teenagers genießen. Seine grünlichen Augen glitten zu Olivia, die sich an dem Blick festklammerte, bis ihr Lächeln größer wurde. Zu ihrem Unglück wusste sie auch noch, dass sie sich komplett lächerlich machte, sobald der Außenseiter auch nur in der Nähe war. Ständig ließ sie etwas fallen, stotterte plötzlich oder lächelte dümmlich, so wie in diesem Fall. “Wollen wir heute in der Cafeteria zusammen sitzen? Ich hab gehört, sie haben es endlich einmal geschafft frischen Salat zu bekommen.”
“Wir sitzen doch Monaten immer am selben Tisch. Trotzdem fragst du jedes Mal, Olivia.” Jeff gehörte zu den wenigen Menschen, neben ihren Eltern, die sie mit dem vollen Namen ansprachen. Die meisten Klassenkameraden benutzen die Abkürzung, weil sie fanden, Olivia höre sich viel zu alt an. Dem Mädchen selber gefiel ihr Name und noch mehr gefiel er ihr, wenn Joker ihn aussprach.
Noch immer konnte sie sich nicht recht an den Gedanken gewöhnen, dass die beiden Freunde waren. Eigentlich war sie sich dabei immer noch nicht ganz so sicher.
Die beiden verbrachten den Großteil ihrer Freizeit zusammen, aßen an dem gleichen Tisch und unterhielten sich auch ständig. Trotzdem wirkte Joker einfach immer so, als würde er auch mit jedem anderen sprechen, was dafür sprechen würde, dass sie eben doch keine richtigen Freunde waren. Diesen Gedanken jedoch auszusprechen und Joker dazu zu bringen ihr eine klare Antwort zu geben, traute Olivia sich nicht. “Ich weiß auch nicht”, gab das beschämte Mädchen nach einer Weile zurück, “ich muss mich irgendwie einfach versichern, dass es immer noch so ist.”
“Mh?” Nun deutlich interessiert blieb Jeff stehen und lehnte sich, leise ächzend, an eine Wand. So ganz wusste Olivia auch nicht, was sie sagen sollte, was sie nun erwidern sollte. Ihre blauen Augen wanderten zu ihren Füßen, die die einheitlichen und unschönen Schuhe der Akademie trugen. Du kannst doch nicht ewig vor dich hin murmeln.
“Es ist einfach etwas besonderes mit dir Zeit zu verbringen. Deine Willenskraft ist ansteckend, weißt du? Du lässt dich einfach durch keine Herausforderung abschrecken. Ich habe letztens mitbekommen, wie du bei Mr. Fross gefragt hast, ob du nicht doch beim Sportunterricht teilnehmen könntest. Jeder andere hätte sich davor gedrückt, aber …”
“Ich nicht.”
“Du nicht”, bestätigte Olivia mit einem zuversichtlichen Grinsen.
Diese Ausgelassenheit und Freude verlieh ihrem Gesicht eine sanfte Note, erhellte ihre Züge und machte sie, dass musste selbst Joker zugeben, um einiges attraktiver. Und das allererste Mal seit die beiden Schüler sich kannten, betrachtete er sie nicht aus den Augen eines ehrgeizigen Schülers, sondern aus denen eines heranwachsenden Mannes. Mit den wachen Blick, den dichten Wimpern und der zierlichen Nase sah Olivia allein in dem Gesicht hübsch aus und trotz ihrer geringen Körpergröße und ihrer Statur, hatte sie durchaus weibliche Züge an sich.
Das erste Mal seit dem Beginn ihrer Freundschaft, schämte Jeff sich. Sie war ein kluges, schönes Mädchen, dass eigentlich sogar als beliebt galt. Und er war ein verbitterte, hinkender Streber, dem es einzig und allein immer um das Ziel ging. Für ihn gab es keinen ersichtlichen Grund, wieso das braunhaarige Mädchen ausgerechnet Zeit mit ihm verbringen sollte. Außer vielleicht aus Mitleid. Und das war schlimmer, als jeder Spott, jeder Hohn. Der Junge hatte Mitleid noch nie vertragen können. Nicht als er ein kleiner Junge gewesen war, und auch nicht mit achtzehn Jahren auf der Akademie der Allianz. Wut staute sich urplötzlich in ihm auf. Wut auf sich, Wut auf seine dummen Glasknochen, die ihn zum Krüppel gemacht hatten und unlogischer Weise auch Wut auf Olivia, die Tag für Tag hinter ihm herspazierte, um aufzupassen, dass der arme Jeff ja nie hinfiel.
Dem Mädchen schien die Stimmungsumschwung nicht aufgefallen zu sein, sie sah aus ihren großen Augen Jeff an mit einem so breiten Grinsen auf den Lippen an, dass es nur noch falsch sein konnte. “Hast du etwa Mitleid mit mir?”, blaffte Joker sie an und vergaß dabei ganz seinen Vorsatz sich nie wieder auf seine Krankheit reduzieren zu wollen. Auf den Gedanken, dass Olivia Zeit mit ihm verbrachte, weil er klug und witzig war, kam er in diesem Moment gar nicht.
“Nein, also doch. Als wir kleiner waren, aber was hat das denn jetzt hier zu suchen? Jeff? Verdammt, Joker, bleib stehen!”
Es brach dem Mädchen fast das Herz, als ihr Freund, denn nur bei dem Verlust eines Freundes konnte das Herz so schmerzen, stur und wahrscheinlich unter Schmerzen davon hinkte. Seine Schritte waren eindeutig schneller als sonst, doch dass schaffte er nur, indem er die Zähne zusammen bis und sich einfach darauf verließ, dass in diesem Moment kein Knochen nachgeben würde.
So einfach ließ Livy sich aber nicht abschütteln. Mit Tränen in den blauen Augen lief sie ihm hinterher, stellte sich ihm sogar in den Weg. Doch Jeff vermied jeden Augenkontakt und umging sie einfach, als wäre sie ein doofes Hindernis, das man eben überwinden musste.
Seit diesem Zeitpunkt hatten die beiden keinen Kontakt mehr. Joker, viel zu stolz, um sein eigenes Fehlverhalten zuzugeben, vermied jeden Blick auf Olivia, die an dem Auseinandergehen noch einige Monate zu knabbern hatte, ehe sie nicht immer wieder zu ihm herübersah, die Augen wässrig und verklärt und rotgerändert. Und nach dem Abschluss, den beide mit Bravour machten, sah Jeff seine ehemalige Freundin auch nicht wieder. Ab und an dachte er an sie, besonders in der Zeit, bevor er Shepard kennenlernte. Die Zeit mit ihm war mehr als einmal lebensbedrohlich gewesen, sodass er viel zu beschäftigt gewesen war, an die vergangene Zeit zu denken. Erst als er einen Ausflug zu der Citadel machte, erinnerte er sich an Olivia, das kleine, zierliche Mädchen aus Russland. Er hatte nur durch zweite Hand erfahren, dass sie, nach einer kurzen Karriere als Pilotin, als gute Pilotin, Lehrkraft an der Grissom-Akademie geworden war.
Und als Jeff Moreau auf einem Bildschirm die erschreckenden Bilder der zerstörten Akademie sah und die Zahl der Toten las, konnte er nicht umhin, dass sein Herz schmerzte. Auch wenn der Kontakt seit Jahren nicht mehr bestanden hatte, war Olivia doch die erste Person gewesen, die ihm bestätigt hatte, was er immer gehofft hatte, dass er zu den Besten gehörte. Er hatte noch genau ihre mädchenhafte Stimme im Ohr, als sie ihm im Alter von sechzehn nach einer Prüfung gesagt hatte:
“Du wirst nicht gut sein. Du wirst nicht einmal großartig sein. Du wirst der beste verdammte Pilot der Allianz sein.”
Abonnieren
Posts (Atom)