Samstag, 8. Dezember 2012

Monster

Im Licht der untergehenden Sonne glänzten die silbernen Häuser der Hauptstadt Palavens flammendrot und schufen so das Trugbild einer brennenden Stadt. Dabei hatte Cipritine noch nie gebrannt. Weder als die Kroganer ihre Rebellion gestartet hatten, noch als die Menschen gegen die Turianer gekämpft hatten. Auf diese Tatsache waren alle Turianer unsagbar stolz, denn gemeinsam hatten sie es geschafft etwas zu erschaffen und auch aufrecht zu erhalten, was mächtiger war, als alles andere in dem All. Ihre Gemeinschaft, ihr Militär und ihren Heimatplaneten Palaven.
Doch nun sahen sich die Turianer einer Gefahr gegenüber, die weitaus gefährlich war, als die Flotte der Menschheit oder hunderter Kroganer, den Reapern. Allzu lange Zeit hatte die Bevölkerung darauf vertraut, dass die gigantischen, feindlichen Schiffe es nicht wagen würden Palaven anzugreifen, viel zu groß würde der Widerstand sein. Dieser Traum hatte sich nicht erfüllt, stattdessen kamen, nach einer gewagten Aktion Coronatis, unzählige Reaperschiffe dem Planeten immer näher.
Das Volk hatte schon Aufnahmen von den Reapern gesehen. Es hatte auch gesehen, wie Husks und andere, scheußliche Kreaturen Städte überrannt hatten. Aber so einfach würden es diese Abartigkeiten nicht haben. Alle Turianer, die über 18 Jahre alt waren, hatten eine militärische Ausbildung und jeder Haushalt besaß genügend Waffen, um sich verteidigen zu können.

Schwarze Schemen zeichneten sich mächtig und dunkel gegen die Sonne ab, die gerade eben noch so hell schien, dass Cipritine nicht in völliger Dunkelheit versank. Ein jeder wusste, was das zu bedeuten hatte. Nur die Kinder und Greise wurden in Shuttles gescheucht, damit diese so schnell, wie möglich, Palaven verließen. Obwohl Zera Halin keineswegs zu den jüngsten ihres Volkes gehörte, hatte sie sich strikt geweigert ihre Heimat zu verlassen. Stattdessen legte sie ihre schwere, dunkelrote Rüstung aus alten Tagen an und prüfte noch ein letztes Mal ihr Waffenarsenal. Selbstverständlich würde die Turianerin nicht jedes ihrer Schätzchen im Kampf gegen die Reaper benutzen können, daher musste sie sich gut überlegen, welche Waffen zum Einsatz kommen würden. Die trotz ihres Alters noch trainierte und routinierte Frau war nicht so starrsinnig ausschließlich turianische Waffen bei sich zu tragen. Ihr ging es nur um den Schaden, den sie anrichten konnte. Und der sollte ihrer Meinung nach so groß, wie nur irgend möglich sein. Zera wollte den Reapern beweisen, dass die Turianer aus einem anderen Holz geschnitzt waren, als die Menschen. Sie wollte ihnen eine Lehre erteilen. Niemand konnte so einfach ihre eigene, kleine Welt erschüttern wollen. Für das Fortbestehen ihrer Heimat würde Zera alles geben.
Mit straffen Schritten überwand Zera die wenigen Meter von dem großen Fenster, welches ein schauriges Bild Cipritines bot, zu dem großen Waffenschrank, der ordentlicher war, als alles andere in der kleinen Wohnung. Die Bewegungen ihrer drei Finger waren einstudiert, so oft hatte sie den achtstelligen Zahlencode eingegeben. Nachdem das leise und vertraute Klickgeräusch ertönt war, riss die Turianerin mit dem breiten Gesicht und den großen Augen die Türen auf. Mit behandschuhten Fingern strich die ehemalige Offizieren liebevoll über ihre Sammlung an Waffen. Hauptsächlich besaß sie Sturmgewehre. Zera bevorzugte einfach das schnelle Feuern, weswegen sie auch nur ein einziges Präzisionsgewehr hatte und das hatte ihr der einzige Sohn geschenkt, der jedoch im Krieg gegen die übermächtige Macht der Reaper gefallen war. Allein schon deswegen würde sie alles dafür geben die Kampfkraft der Schiffe zu schwächen. Irix Coronati hatte schon die Flotte der Reaper geschwächt, indem er einen ÜLG-Sprung gewagt hatte und so mitsamt seiner Schlachtschiffe im Herz der Flotte gelandet war. Bevor die großen und in dieser Situation langsamen Schiffe die Einheit zerstört hatten, hatte der Fleet Admiral einige der Kampfschiffe beschossen und diese so unschädlich gemacht.
Nun war es an den Soldaten auf Palaven und der Bevölkerung dem Opfer Wert zu geben und den Feind zurück zu schlagen.
Zera Halin wand sich an den abgegrenzten Bereich, der nur Sturmgewehre beinhaltete. Die pensionierte Soldatin besaß von beinah jeder Rasse ein Sturmgewehr oder eine andere Waffe. Bei ihr hatte sich mit den Jahren tatsächlich so etwas, wie eine Sammelleidenschaft entwickelt. Einige Sekunden grübelte Zera darüber nach, welche Waffe sie bei sich tragen sollte. Dabei schien die Turianerin im Angesicht dessen, was bald bevorstand, beinah gelassen zu sein. Sie hatte schon so einige Kriege miterlebt, hatte auf Missionen, die sie selbst auf die Welt ohne Gesetz geführt hatte, ihre Männer fallen sehen. Die ehemalige Soldatin hatte die Nachricht vom Tod ihres Sohnes bekommen, ohne vor dem Überbringer in Tränen auszubrechen. Die Frau hatte mehr erlebt, als manch anderer, weswegen sie es auch schaffte selbst jetzt Ruhe zu bewahren. In Panik wäre ihr Verstand wie benebelt und man brauchte Verstand, um im Gefecht überleben zu können.
Die Wahl der erfahrenen Turianerin fiel schließlich auf die Chakram Launcher, eine weitgehend unbekannte, geschmuggelte Waffe, die sie einige Credits gekostet hatte. Den hohen Preis machte das Sturmgewehr mit seinem Schaden und seiner Genauigkeit wieder wett, außerdem lag sie Zera leicht in der Hand, was bei einem so heftigen Kampf, wie der der ihr bevorstand, mindestens genauso wichtig war, wie der Schaden. Mit ruhigen Fingern überprüfte Zera Halin die Munition des Gewehrs, wog sie in der Hand und befestigte sie schließlich auf dem Rücken.
Als nächstes griff sie nach einer ihrer Lieblingswaffen. Der Graal-Dornenwerfer war eine von den Kroganern benutzte Schrotflinte, deren Nadelgeschosse große Wunden in das Fleisch des Gegners rissen. Dabei störte es sie wenig, dass wohl weder ein Kroganer, noch ein Turianer von ihrer Wahl begeistert wäre. Hauptsache sie könnte ihrer Heimat, ihren Leuten helfen.
Auch diese Waffe befestigte sie an ihrer Rüstung. Nachdem Zera noch die Blood-Pack-Punisher, ein Souvenir von der Mission auf der Welt ohne Gesetz, an ihrer Hüfte befestigt hatte, drehte sie sich ruckartig um, damit sie aus dem Fenster sehen konnte. Die Umrisse der dutzenden Schiffe war größer geworden, ein jeder konnte nun Einzelheiten der Zerstörer erkennen. Für den ehemaligen Staff Commander bedeutete dies, dass nun ihre Zeit gekommen war. Auf den Straßen tummelten sich schon die jungen und kräftigen Soldaten, sowie die sturen und schwerbewaffneten Bewohner. Das Militär hatte improvisierte Mauern errichtet und gepanzerte Fahrzeuge bereitgestellt. So gut es ging hatte sich die Hauptstadt Palavens auf den Kampf gegen die Reaper vorbereitet.
Dennoch beschlich Zera das Gefühl, dass es dieses Mal einfach nicht reichen würde. Sie hatte grausame und furchteinflößende Dinge über die Schiffe gehört. Vielleicht wäre dieser Macht selbst Palaven nicht gewappnet.
In einem Anflug von Sentimentalität ging sie von der Eingangstür zurück zu ihrem Waffenschrank und schnallte sich das Präzisionsgewehr ihres Sohnes auf den Rücken. Ihr war wohl bewusst, dass das weitere Gewicht sie behindern würde und dass die keineswegs ein so guter Scharfschütze war, wie ihr Sohn einer gewesen war. Aber die reife Frau wollte etwas von ihrem Sohn bei sich tragen.
Mit diesem zusätzlichen Gewicht hastete sie die Treppenstufen in die Eingangshalle hinunter, wobei sie immer zwei Stufen auf einmal nahm. Wie schon bei früheren Missionen schoss nun, kurz vor dem eigentlichen Beginn der Schlacht, das Adrenalin durch ihre Adern und belebte Zera auf eigenartige Weise. Fast fühlte sie sich, wie Mitte Vierzig, in ihren besten Jahren.
Auf den Straßen tummelten sich zahllose Turianer, sie alle starrten wie gebannt auf die heranrasenden Schiffe ihres Feindes. Lange würde der erste Angriff nicht mehr dauern, das war jedem, so auch Zera, durchaus bewusst. In diesem kurzen Moment jedoch herrschte noch Frieden. Es war der Moment bevor die Hölle auf Palaven ausbrach. Mehrere Sekunden absolute Stille und dann ein lautes, surrendes Geräusch, als der erste Laserstrahl Gebäude den Erdboden gleich machte. Wenngleich die silbernen Bauten massiv gewirkt hatten, fielen sie nun innerhalb weniger Augenblicke völlig in sich zusammen und gaben eine Hitze von sich, die rasch auch zu Zera durchkam und das obwohl die ehemalige Offizierin mehrere hundert Meter von dem zerstörten Haus entfernt stand. Sie wollte gar nicht daran denken, wie viele Turianer wohl noch in dem Haus gewesen sein mochten. Oder wie es denen ergangen war, die in unmittelbarer Nähe gewesen waren.
In den Händen hielt sie die kroganische Waffe, wobei sie in diesem Moment damit wenig ausrichten konnte. Ein Schuss auf das Reaper-Schiff wäre sinnlos und reinste Munitionsverschwendung.
Noch ein Laserstrahl zerstörte Gebäude und hinterließ einen tiefen Riss durch die Straße. Trotz der Ordnung, die weiterhin anhielt, schrien einige der Anwesenden. Wer konnte es ihnen verdenken. Auch Zera hätte am liebsten den Mund geöffnet und all ihre Wut, all ihren Verdruss über die Zerstörung ihrer Heimat rausgeschrien. Sie blieb allerdings stumm.
Gebannt blickte Zera Halin in den Himmel und beobachtete geschockt, wie brennende Kometen hinabsausten und mit einem lauten Knall tiefe Krater auf den Straßen hinterließen. In den ersten Sekunden hatte die Turianerin gar nicht begriffen, was dort aus dem Kometen kroch. Erst als der erste Husk mit blaugrauer Haut auf sie zustürmte, war die Soldatin, die Kämpferin in ihr erwacht. Als hätte sie nie ihren Dienst beendet, betätigte sie den Abzug, spürte den Rückschlag und beobachtete, wie zwei Husks von den großen Nadelgeschossen zerfetzt wurden. Auch um sie herum, begann man zu schießen.
Immer wieder wurden die Schreie der Turianer und der veränderten Lebewesen von dem Geräusch eines Lasers oder eines aufprallenden Kometen unterbrochen und jedes Mal waren es mehr Feinde, die durch die Straßen stürmten und ohne Sinn oder Verstand Leute in den Tod zogen.
Lieber wäre Zera auf einer ihrer früheren Missionen erschossen worden, als von diesen seltsamen, unwirklichen Bestien zerfetzt. Die veränderten Menschen waren erstaunlich schnell, aber genauso hirn- und wahllos. Sie mordeten, was vor ihnen stand und achteten nicht auf weiter entfernte Ziele.
Die Zeit verging rasendschnell, doch im selben Moment wieder quälend langsam. Alles erschien Zera viel zu schnell zu gehen, dabei wusste sie, dass es bereits weitaus länger als nur wenige Sekunden dauerte. Während einer kurzen Pause, in der kein Gegner sie bemerkte, huschte ihr Blick über die von Leichen und Blut bedeckten Straßen. Turianer, wie auch Husks und Kannibalen und Wesen, die Zera an Turianer erinnerten, lagen leblos auf dem Beton und stellten potenzielle Hindernisse dar, wenn eine rasche Flucht von Nöten sein sollte.
Erschrocken musste die pensionierte Frau feststellen, dass sie zu einer der letzten gehörten, die in dieser Straße die Stellung hielten. Vom Fenster aus hatte sie gesehen, dass nicht weit von hier, einige Soldaten stationiert waren. Aus dieser Richtung ertönten auch immer noch Stimmen und Schüsse, sodass Zera beschloss sich ihnen anzuschließen. In einer Gruppe war es einfacher sich gegen zehn Husks zu verteidigen, als allein.
Sie wechselte die Waffe zu dem Chakram Launcher und lief, so schnell es ihr Alter und die Panzerung zuließen, um einige Ecken. Mehrmals war sie in eine Gruppe laufender Gegner gestürzt, hatte sich aber auch jedes Mal wieder daraus befreien können. Ein plötzliches Beben unter ihren Füßen und helle Strahlen am Himmel, hatten sie zum Stehenbleiben bewegt.
Genau in diesem Augenblick fiel alles um die ältere Frau zusammen. Laserstrahlen schossen über die Straßen, lösten Turianer, wie auch ihre eignen Leute auf, brachten Häuser zum einstürzen und die Trümmer zum Brennen.
Der erste Brocken traf sie an der Schulter, sodass Zera ein Schmerzensschrei entfuhr und sie das Sturmgewehr fallen ließ. Der zweite, größere Brocken zertrümmerte ihre linke Hand. Erst da begriff die ehemalige Offizierin, dass das Haus neben ihr im Begriff war sie unter sich zu begraben. Ihre gelben Augen weiteten sich fassungslos, während ihre Beine schon begonnen hatten, sich zu bewegen. Da sie verspätet reagiert hatte, schaffte Zera es nicht mehr fort zu kommen. Immer mehr Trümmer prallten neben ihr auf den Boden. Faustgroße Steine rieselten auf sie herab, bis sie, nach einem Treffer am Kopf, stöhnend zu Boden sackte und einige Sekunden später von einer zerberstenden Hauswand begraben wurde.

Dank des Adrenalins, das immer noch durch sie floss, erwachte sie rasch aus ihrer Ohnmacht. Beinah etwas widerwillig öffnete Zera ihre Augen und sah Cipritine brennen. Rauch sammelte sich über den Straßen, die Hitze der brennenden Gebäude war unerträglich und es war fürchterlich leer auf den Straßen.
Langsam schoben sich ihre Hände nach vorne, zogen den schwerfälligen und verletzten Leib unter der Wand hervor, bis nur noch Zeras Bein darunter lag. Egal wie lang und egal wie stark sie daran zog, es schien aussichtslos. Ihre Rüstung hatte sich am Bein an irgendetwas verhakt.
Panisch zog sie heftiger daran, bis ein kaum zu beschreibendes Geräusch erklang und der Schmerz der Turianerin den Atem stahl. Jedoch schaffte sie es nun ihr Bein zu befreien. Ihr Knöchel hing in einen seltsamen Winkel herab und Zera hatte das Gefühl, als würde der Fuß nur noch dank der Rüstung an ihr sein.
Jeder Atemzug schmerzte und ihre Lunge schien ihren Dienst aufgeben zu wollen, dennoch erhob Halin sich. Zitternd und keuchend löste sie ihre Pistole von der Hüfte und hielt sie krampfhaft fest, fast so, als wäre diese Waffe alles, was sie noch hatte. Auf den Straßen tummelten sich keine Feinde mehr, was Zera schon die Hoffnung gab, dass die Reaper vielleicht aufgegeben hatten. Oder Palaven einfach vergessen hatten. Diese schmerzende Hoffnung zerbrach allerdings schon nach wenigen Sekunden in ihre Einzelteile, als ein unmenschlicher Schrei die Straßen erfüllte und das Blut in Zeras Adern gefrieren ließ. Panisch und ruckartig drehte die ehemalige Soldatin sich um sich selber, versuchte die Richtung zu erfassen, aus der dieses Geräusch gekommen war. Am Ende war ihr jedoch nur schwindelig und übel. Der Schrei erklang erneut, hoch, durchdringend und gequält. Da sah die Frau auch den Grund für den Lärm.
Sie waren groß und ausgemergelt, wie Menschen oder dergleichen, die gestreckt worden waren. Alles an ihnen schien dürr und lang zu sein. Die Bestien bewegten sich langsam, doch irgendwie kontrollierter, als die restlichen Feinde. Wie erstarrt stand Zera auf offener Straße und konnte nichts anderes tun, als diese fremdartigen Wesen zu betrachten. Soldaten sollte keine Angst haben. Soldaten sollten jedem Feind ins Auge blicken und mit Würde sterben. Doch in diesem Moment hätte sie nichts lieber getan, als zu schreien oder fortzulaufen.
Beinah schien es so, als hätten die Bestien sie nicht bemerkt, bis sich eine aus der Gruppe löste und laut und hoch schrie. Dann verschwand sie einfach. Plötzlich war dieses Etwas einfach weg. Drei Meter von Zera entfernt, tauchte es wieder auf und verschwand erneut. Immer noch ahnte Zera gar nicht, wem sie da gegenüber stand.
Einen Meter war Es von ihr entfernt, als Es die langen Arme empor hob und eine gigantische, biotischen Schockwelle in die Richtung der Offizierin schleuderte. Erst in diesem Moment wurde ihr klar, was es dort war. Zera hatte Asari immer als schön empfunden, perfekt in ihrem Körperbau und auch in ihrem Wesen. Dieses Ding dort vor ihr hatte nur noch wenig von dem eleganten Geschöpf inne. Aber als wäre ihr ein Schleier von den Augen gefallen, wusste Zera einfach, dass sie eine Asari vor sich hatte.
“Das machen sie also aus uns”, flüsterte sie der Schockwelle entgegen. “Monster.”

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