Sonntag, 2. Dezember 2012

Ein Mann wie ein Bär

Bis vor wenigen Minuten war es im Huerta Memorial Hospital vergleichsweise ruhig gewesen. Wie immer lagen einige Dauerpatienten auf der Station oder welche, die schon bei dem kleinsten Anzeichen für Schnupfen, eilig zum Doktor rannten und sich danach auch nicht mehr so schnell wegschicken ließen. Genau deswegen saß Doktor Lauren Harris auch weit nach hinten gelehnt mit einem Stift zwischen den Lippen in einem gemütlichen Sessel. Für die blonde Ärztin gab es einfach an einem ruhigen Tag wie diesem, außer dem langweiligen Papierkram kaum etwas zu tun.
Bis plötzlich eine schnarrende Stimme verzerrt aus dem Lautsprecher tönte: “Sofort …”, doch da wurde die Stimme auch schon übertönt, von Doktor Vettisch, der mit tiefer Bassstimme einige Ärzte, darunter auch Laurel, zu sich rief. “Ich weiß wohin wir müssen. Also los!” Woher genau der Chefarzt das wusste, war jedes Mal ein Rätsel. Aber durch dieses Rätsel schaffte es das Team auch immer rechtzeitig einzutreffen.
Auf dem Weg zu dem nahegelegenen Geschäften erklärte der hünenhafte Mann mit den überraschend flinken Fingern, was genau geschehen war. “Anscheinend eine Prügelei zwischen einem Menschen und einem Kroganern. Wir wissen nicht genau, wie schlimm es steht, aber wenn sein Gegner ein Kroganer war, könnte es unschön werden. Also macht euch bitte auf vieles gefasst.”
Im Lauftempo erreichten das Team schließlich den Ort des Geschehens und Laurel konnte kaum fassen, was sie da sah. Dabei verstörte sie gar nicht so sehr das Blut, das zerstörte Geschäft oder der brüllende Kroganer, der von fünf Leuten der C-Sicherheit festgehalten werden musste, sondern viel mehr, dass der Mensch noch auf beiden Beinen stand. Oder zumindest versuchte er es, was bei dem unnatürlichen Winkel des Beines, der wahrscheinlich durch das Verrutschen der Kniescheibe verursacht wurde, schmerzhaft sein musste. Ein großspuriger Turianer hielt den Chefarzt und den Blondschopf auch prompt von der Arbeit ab, damit er sie erst einmal belehren musste, dass sie ja erschöpft aussahen und dergleichen. Die typischen Sticheleien eines unzufriedenen Arbeiters, die Laurel beim Anblick des hispanischen Mannes ignorierte. Doktor Vettisch musste sich gezwungener Maßen noch weiter um die Förmlichkeiten kümmern, da der Verletzte nicht sterbend am Boden lag. Doch die junge Frau stapfte, das Medigel schon in den Händen haltend, auf den bärenähnlichen Mann zu.
Doktor Hen, ein unerfahrener und leicht einzuschüchternder Mann mit schwarzen Haar stand mit hängenden Schultern vor dem Verletzten und versuchte anscheinend mit leiser Stimme irgendetwas zu bewirken. Bei dem Gebrüll des Kroganers bezweifelte Laurel, dass der Mann überhaupt irgendetwas von dem verstand, was ihr Kollege da von sich gab.
“Da bist du ja”, sagte Hen sogleich. Man sah ihm die Erleichterung deutlich an, was sie selber als ziemlich unprofessionell empfand. Dabei durfte sie so etwas eigentlich gar nicht erst denken. Doktor Harris war schon mehrmals wegen ihrer eigenwilligen Methoden aufgefallen.
“Was ist hier das Problem?”, fragte sie, aber eher an den blutenden Mann gewandt, der sie aus hellbraunen Augen musterte. Sein Gesicht verriet keinen Schmerz, was Laurel eigenartig fand. Bei solchen offensichtlichen Verletzungen, wie dem verdrehten Knie und den offenen Wunden im Gesicht und Brustkorb, hätte jeder normale Mensch zumindest schwer geatmet.
“Der Patient will sich nicht untersuchen lassen.”
Verwundert weiteten sich ihre Augen etwas. “Stimmt das?”, fragte sie nun deutlich den erwähnten Mann, der sogar die Arme vor dem Brustkorb verschränkte. “Das ist nichts, was nicht Medigel beheben könnte”, gab er wie selbstverständlich von sich.
“Wie heißen Sie?”
“Lieutenant James Vega.” Er klang nun deutlich wie ein Soldat, was zumindest den unbekümmerten Umgang mit den Wunden erklärte. Kurz wog Laurel ab, wie sie vorgehen sollte. Seine Verletzungen waren weit mehr als kleine Schürfwunden, die er selber behandeln könnte. Die Frage war nur, ob sie den Soldaten höflich darum bitten sollte auf die Krankenstation zu kommen, oder ob sie lieber wild gestikulieren und schimpfen sollte. Die Blondine entschied sich für die zweite Möglichkeit und trat einen Schritt näher an den Patienten heran. Der Größenunterschied war nicht das einzige, was dafür sorgte, dass sie sich auf einmal vorkam, wie eine Maus. Lieutenant James Vega hatte beachtliche Muskelberge, selbst seine Nackenmuskulatur schien gestählt zu sein. Damit war er nicht nur mindestens dreißig Zentimeter größer als die Ärztin, sondern auch noch doppelt so breit. Unfassbar.
“Bei allem Respekt, Lieutenant. Aber ich denke, dass ich besser darüber urteilen kann, als Sie. Mal ganz davon abgesehen, dass ihre Kniescheibe verrutscht ist und sie vermutlich nur unter großen Schmerzen das Bein belasten können, könnte es bei einem Angriff von solcher Wucht auch zu inneren Verletzungen gekommen sein. Falls Sie es bevorzugen die ganze Citadel vollzubluten und am Ende elendig zu verrecken, dann können Sie die Erklärung unterschreiben, dass Sie einen Aufenthalt auf der Krankenstation vermeiden wollen. Falls Sie allerdings noch ein wenig länger Soldat sein wollen, müssen Sie mir folgen und sich dabei am besten stützen lassen.” Den eisigen Blick auf den Lieutenant gerichtet, stemmte Laurel die Hände in die Hüften und erahnte nur den geschockten Blick ihres Kollegen. Vega jedoch schien ihre Vorstellung mehr zu gefallen, als dass er nun wirklich über eine ärztliche Behandlung nachdachte. “Alles klar, Patrona. Sie sind die Ärztin.” Seine Stimme klang amüsiert, auch wenn sein Gesicht keine Regung zeigte. Erst jetzt begriff Laurel, dass er so steinern guckte, damit er das Gesicht nicht vor Schmerz verzog. Zufrieden mit sich und ihrer Leistung nickte die blonde Frau sogar und befahl dann Hen mit einem herrischen Tonfall Vege zu stützen. Behandeln würde sie ihn erst auf der Station, da sie dort auch einfach die besseren Möglichkeiten hatte. Und außerdem würde kein wütender Kroganer wüste Beschimpfungen von sich geben, was die Arbeit erleichtern würde.

“Bitte ausziehen.” Mit einem diabolischen Grinsen auf den Lippen zog Laurel die Handschuhe über. Selbst auf dem Weg hier her hatte sich der Riese immer wieder widersetzt und die Meinung vertreten, dass das alles schon von selber wieder heilen würde. Nach einigen Minuten hatte die Ärztin schon nicht mehr darauf reagiert. Und nun freute sie sich darauf dem Großmaul die Stimme zu stehlen, denn die Behandlung würde keinesfalls allzu schön sein. Das lag weniger an ihrem Wesen, als daran, dass sie die Wunden reinigen musste. Zwar hätte sie James Vega auch ein Schmerzmittel verabreichen können, aber wo blieb dann ihr Spaß?
Dios, Sie verschwenden aber auch gar keine Zeit oder?”
Darauf erwiderte die Blondine nichts, auch wenn sie weiter grinsend beobachtete, wie Hen dem Soldaten aus der Kleidung half, viel mehr zerschnitt er einfach die Fetzen, da alles andere noch mehr Schmerzen und vielleicht sogar weitere Verletzungen bedeutet hätte.
“Hen, Sie können uns jetzt allein lassen. Vielleicht ist es dem Herren ja unangenehm sich von mir untersuchen zu lassen.”
“Keineswegs, Patrona.”
Froh endlich von diesem eigenwilligen Mann fort zu können, nahm der zweite Doktor die Fluchtmöglichkeit wahr und verschwand aus der Kabine. Laurel konnte es ihm nicht verübeln. James Vega war ein seltsamer Zeitgenosse. Trotz seiner Wunden schaffte er es scheinbar locker und gelassen zu bleiben. Immer lag ihm eine freche Antwort auf der Zunge, sodass es Laurel schwer fiel nicht zu lächeln. Doch die nächsten Minuten wurden auch für den Soldaten nicht leicht. Denn nachdem die Ärztin seinen Körper nach inneren Verletzungen gescannt hatte, machte sie sich daran die Wunden zu säubern. Dafür tunkte sie einen sterilen Lappen in Desinfektionsmittel und begann die offensichtlichste Verletzung, die in seinem Gesicht, zu säubern.
“Und jetzt erzählen Sie mir einmal, wie es dazu kam, dass Sie sich mit einem Kroganer geschlagen haben. Dafür muss man entweder ziemlich dumm oder ziemlich betrunken sein.” Sie konzentrierte sich voll und ganz auf ihre Aufgabe, war aber dennoch etwas zufrieden, als der Patient zusammenzuckte. Die Lösung brannte etwas auf der Haut, aber Laurel machte es lieber so. Würde sie sofort Medigel auftragen, würde es schwer werden die Wunde ordentlich zu säubern. Zischend stieß der kräftig gebaute Mann die Luft aus, ehe er antwortete: “Männer machen so etwas eben.”
Einige Sekunden wartete Laurel vergebens auf ein kleines Lachen oder eine weitere Erklärung, aber der Allianzsoldat blieb stumm und ertrug mit verzogenem Gesicht die Tortur.
“Sie meinen das ernst? Ein Mann muss so etwas tun? Ich habe noch nie gehört, dass ein Mensch mit einem Kroganer gekämpft hat, nur weil beide Männer sind.” Sie konnte ihren Unglauben kaum verbergen. Der Kampf gegen einen Kroganern, einem Volk, dass sowohl für seine Aggression, als auch für seine Widerstandsfähigkeit bekannt war, endete meist tödlich, egal wer antrat. Dass irgendjemand aus männlichem Stolz dieses Risiko einging, war ihr völlig fremd und die Ärztin hätte mit einer plausibleren Antwort gerechnet. Während sie einen neuen Tupfer in die klare Flüssigkeit eintauchte, betrachtete sie James Vegas verkrampften Körper, die Tätowierung, die von dem Oberkörper bis zum Hals reichte und überlegte kurz, ob diese Erklärung für eine Person wie er eine war, vielleicht tatsächlich logisch und nachvollziehbar war. Der hispanische Mann sah eindeutig danach aus, falls man so etwas überhaupt am Aussehen festmachen konnte.
Schon etwas behutsamer reinigte sie eine große Schnittstelle am linken Oberarm, an deren Wundrändern noch immer kleinere Glassplitter waren. Wer den Schaden an dem zerstören Geschäft übernehmen würde, war fraglich.

Am Ende des Tages war der Großteil seines Körpers mit Bandagen und Medigel bedeckt, sodass James sich mehr wie eine Mumie vorkam, als wie ein wirklicher Soldat, der, ganz zu seinem Unwillen, die Auseinandersetzung mit einem jungen und angriffslustigen Kroganer überlebt hatte. Auch wenn er gegenüber der kleinen Ärztin versucht hatte ganz wie sein altes Ich zu wirken, wusste ein Teil von dem Soldaten doch, dass er nie wieder so sein würde. Er hatte auf dem Planeten alles falsch gemacht. Er hatte seinen Captain, der sogar so etwas, wie ein wirklich guter Freund gewesen war, fallen sehen, getötet von diesen wirklich widerlichen Kreaturen. Vier Augen, die einen anstrahlten, erkannten und aufsaugten, bevor sie die Waffen auf einen richteten und nur noch töteten. Selbst heute noch verzog der Soldat bei der Erinnerung dessen, was ihm auf dem kleinen Gesteinsplaneten passiert war, das Gesicht. Zum Glück konnte er es in dieser Situation auf seine Schmerzen schieben, die immerhin auch nicht zu unterschätzen waren.
Die blonde Frau, die es sich vorhin nicht hatte nehmen lassen ihn ein wenig zu quälen, war schon vor einigen Stunden verschwunden und seit dem war James völlig allein. Außer dem Geräusch der ständig piependen Gerätschaften, war es in dem Ruhezimmer vollkommen leise und das obwohl er das Behandlungszimmer sehen konnte. James sah, wie die Ärztin, der er den Spitznamen Patrona gegeben hatte, einem Salarianer Medigel auf eine Schnittwunde in der Handinnenfläche schmierte.
Selbst in seiner Akte bei der Allianz war vermerkt, dass der junge Mann seinen Mitmenschen gerne Spitznamen gab. Als Captain Toni ihn darauf angesprochen hatte, hatte James geantwortet, dass der wirkliche Name manchmal einfach nicht passte. Doktor Harris hatte den Spitznamen wegen ihrer herrischen Art erhalten, da Patrona so viel bedeutete, wie Chefin.
Bei der Erinnerung an den Blick des Captains, wurde dem Soldaten ganz anders. Damals war er gerade erst N6 geworden und eigentlich noch unerfahren, was die Arbeit unter Tonis Kommando betraf.
Und obwohl James Vega noch relativ unerfahren gewesen war, hatte er, nach dem Tod des Captains, das Kommando übernehmen müssen. Dabei war ihm der schlimmste Fehler seines noch jungen Lebens unterlaufen. Damals schien es ihm die einzig richtige Lösung, um die ganze Galaxie zu retten. Denn was war eine einzige Kolonie, gegen alle Planeten, die bis jetzt bevölkert waren? Der kräftige Soldat hatte sie aufgegeben. Er hatte Leben geopfert für eine verdammte Datei, für Informationen, die sich später als nutzlos erwiesen hatten. Selbst als die Menschheit die Informationen über die Kollektoren, ein weitaus unbekanntes und grausames Volk, gebraucht hatte, hatte James sich stets schuldig gefühlt. Nachdem Shepard, der tot geglaubte N7-Soldat, allerdings die Kollektorenbasis zerstört hatte, waren seine Informationen wertlos geworden und der Tod der Kollonisten umsonst.
All seine Muskeln verkrampften sich, während Lieutenant Vega sich die Schuld gab. Dies jedoch nahm er kaum noch wahr. In den letzten paar Wochen hatte er sich rund um die Uhr die Schuld an dem verheerenden Ausgang der Mission gegeben und ein jedes Mal zogen sich all seine Muskeln zusammen, sodass der große, kräftige Mann eher einem alten, zitternden Greis glich, der schon zu viel gesehen hatte. Wahrscheinlich wäre es für ihn einfach gewesen, hätte Toni ihm den Befehl erteilt die Kolonie zu opfern, dann wäre er einer Anordnung gefolgt und hätte die Schuld abwälzen können. Befehlen gehorchte der dunkle Soldat, zumindest meistens. Der schwerstwiegende Befehl, den er je missachtet hatte, war auch der Grund, weswegen er statt auf einem Schiff oder auf der Erde auf der Citadel war und die Zeit gehabt hatte eine sinnlose Prügelei anzuzetteln. Der Nachfolger Captain Tonis, ein älterer, weiser aber dadurch auch vorsichtiger Mann, der James Vega zu einem Psychologen hatte schicken wollen. Für einen Soldaten war dies wohl einer der schwersten Sätze, die man zu hören bekommen konnte. Er war der Beweis gewesen, dass die Allianz seinem Urteilsvermögen nicht mehr traute. Dass sie dachten Vega könne keinen Einsatztrupp er leiten.
Durch die Verweigerung hatte er quasi Zwangsurlaub erhalten. Den er jetzt in einem gewärmten Bett absaß, den Körper mit Schmerzmitteln vollgepumpt und an ihm unbekannte Geräte angeschlossen.
Ungläubig schnaubte er, hob eine Hand und wischte sich über die Stirn, an der ebenfalls ein Verband angebracht worden war. Gerade lehnte er sich in die weichen Kissen zurück, um etwas zu schlafen, da hörte er, wie die Tür geöffnet wurde und jemand auf ihn zukam. Sein erster Impuls war es gewesen, einfach so zu tun, als würde er schlafen. Als dann jedoch ein kaum zu überhörendes Räuspern erklang, wusste James, dass der Plan schon zum Scheitern verurteilt war.
“Ich habe gesehen, dass Sie nicht schlafen, Lieutenant”, kam die Stimme der Ärztin mit den blonden Haaren einige Meter von ihm entfernt. Widerwillig öffnete er die Augen und betrachtete seine Patrona mit den schulterlangen, blonden Haaren und dem etwas zu schmalem Gesicht. Überrascht bemerkte er, dass sie sich die dünnen Lippen nicht hatte aufspritzen lassen. Dank der tausenden Möglichkeiten der sicheren Operationen und Veränderungen an den Genen, gab es kaum noch einen Menschen, der nicht perfekt aussah. James Vega fand diese Gleichheit und diese Perfektion allgemein ermüdend. Denn woran sollte man schon jemanden nach Jahren erkennen, wenn er bis dahin ein völlig anderer Mensch sein könnte?
In ihrem Mund wippte ein Stift auf und ab und das, obwohl heutzutage kaum noch jemand auf Papier schrieb. “Ist denn etwas besonderes?” Seine Stimme klang nicht ganz so locker, wie der Soldat es gewollt hatte und so hoffte er einfach, dass die Ärztin den verkniffen Gesichtsausdruck und die unterkühlte Stimme seinen schweren Verletzungen anrechnete und nicht weiter nachhaken würde.
Doktor Harris setzte sich als Antwort an einen Computer und legte eine kleine Disk ein, deren Inhalt auch augenblicklich wieder gegeben wurde. Augenblicklich verkrampften sich der Körper des Mannes, als er sein eigenes Bild nach dem Abschluss erkannte. Es war unschwer zu erkennen, dass Harris seine Akte eingefordert hatte. Schon jetzt malte sich der Soldat aus, was wohl seine Vorgesetzten von dem Vorfall halten würden. Würden sie es nur als eine Bestätigung seiner Unlabilität sehen?
“Meine Akte”, stieß er hervor und starrte sich selber, wie hypnotisiert an. Wenngleich das Bild höchstens zwei Jahre alt sein konnte, hatte der Mensch darauf sich drastisch geändert.
“Blitzmerker”, gab die blonde Frau gedankenverloren zurück. Sie hatte die Akte schon gelesen, andernfalls würde sie wohl kaum zu ihrem Patienten kommen, ohne ihn untersuchen zu wollen. Dennoch flog der Blick aus den klaren, großen Augen über die Wörter, die in den Raum projiziert wurden. Nach einigen Minuten der Stille zwischen den beiden, fragte die Patrona: “Wieso sind Sie der Allianz beigetreten, Lieutenant Vega?” Der Angesprochene schlussfolgerte aus dieser Frage, dass die Allianz nur die gekürzte Akte zur Verfügung gestellt hatte, anders hätte Harris nicht fragen müssen. Zwar hatte James deswegen die Möglichkeit die herrische Ärztin anzulügen, aber an seinem Grund war nichts verwerfliches oder besonderes. “Mein Onkel war Soldat.” Während der hünenhafte Mann selber die gesamte Zeit das schmale Gesicht der Frau beobachtete, um ihre Reaktion bewerten zu können, ignorierte sie ihn weitgehend. Nur die Fragen deuteten darauf hin, dass Harris den Kontakt mit dem jungen, aber dennoch verbitterten Soldaten suchte. “Woran ist ihre Mutter gestorben?”
James antwortete nicht. Sein Schweigen hatte mehrere Gründe. Erstens kannte er diese Person nicht, zweitens musste er ihren intimen Fragen nicht antworten und drittens schmerzte der Verlust seiner Mutter, auch wenn er schon mehr als zehn Jahre zurücklag.
Laurel Harris bemerkte die lange Pause und sah prüfend auf ihren Patienten herab, ganz so, als sei James ein kleines Kind. Dabei war er um einiges größer, als sie und vielleicht sogar älter. “Wollen Sie mir nicht antworten, Mr.? Ich könnte auch einfach ihren Captain fragen oder einen ihrer Kameraden. Oder erzählen Sie nur ungern von sich selber? Wäre es Ihnen lieber, wenn ich mit meiner Familiengeschichte beginnen würde?” Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, ohne auch nur das Gesicht zu verziehen, hatte ihre Stimme einen ungeduldigen Klang angenommen, der den Lieutenant störte. Es gab keinerlei Grund ihn so auszuquetschen.
“Machen Sie so etwas immer bei ihren Patienten?” Die Stimme des Mannes klang ungewohnt monoton. Früher hätte Vega gar nicht so sprechen können. Er wäre wahrscheinlich jetzt schon an die Decke gegangen und hätte die blonde, zierliche Frau angeschrien. Oder er hätte mit einem flotten Spruch reagiert. Nun kommt es schon soweit, dass du nicht einmal mehr weißt, wie du früher warst, spottete seine innere Stimme, die jedoch schon von Doktor Harris unterbrochen wurde, als sie auf die unfreundliche und nicht ernst gemeinte Frage antwortete: “Nein. Nur bei denjenigen, die nach einer Mission mit tragischen Ausgang suspendiert worden sind und danach gegen einen Kroganer gekämpft haben.”
“Was soll das heißen?”
“Es soll heißen, dass die Allianz wissen will, was einen N6-Agenten dazu verleitet eine solche Dummheit zu begehen.” James war selten sprachlos. Doch jetzt war sein Kopf einfach wie leer gefegt und dem sturen Mann wollte einfach keine passende und schlagfertige Antwort einfallen. Also fragte er müde: “Und nun?”
“Nun führen wir ein langes Gespräch und wenn Sie nicht ehrlich zu mir sind, wenn Sie auch nur daran denken nicht ehrlich zu sein, sorge ich dafür, dass Sie höchstens noch hinter einem Schreibtisch sitzen werden.
Also, was geschah mit Ihrer Mutter?”
Widerwillig erklärte Lieutenant Vega der nicht weniger sturen Ärztin, dass seine Mutter ganz einfach krank gewesenen war und zu arm, um sich in gute, ärztliche Behandlung zu begeben. Es fühlte sich seltsam an einer Frau, die nicht seine Vorgesetzte war, seinen Lebenslauf zu erzählen. Dennoch beantwortete er alle Fragen ehrlich. Knapp, aber ehrlich.
Schließlich kamen die beiden zu der Mission an, die den kräftigen Mann aus der Bahn geworfen hatte. “Was geschah, als Captain Toni gefallen war?”
“Als ranghöchster war es meine Aufgabe den geschrumpften Trupp zu führen. Die Kollektoren waren in der Überzahl, wie schon zu Beginn des Kampfes, doch inzwischen war ihre Kampfkraft erdrückend und ich musste mir Gedanken darüber machen, was ich tun wollte. Ich hatte die Möglichkeit die Information aufzugeben, die uns helfen sollten diese Biester zu töten, und damit die Kolonie zu retten. Allerdings entschied ich mich für die zweite Möglichkeit. Ich rettete die drei meiner Männer und die Informationen.”
“Wieso nur drei ihrer Männer?” Die Frage war dem Soldaten schon zu oft gestellt worden. Wieso nur drei Männer? Wieso hatten es von den sieben, die unter seinen Kommando gestanden hatten, nur drei in das Shuttle geschafft? Sein neuer Captain hatte ihn das gefragt, die Familien hatten ihn das gefragt und stets war James ausgewichen und hatte nur irgendwelche Gründe erfunden. Doch zu dem Doktor war er ehrlich, das erste Mal seit diesem Tag. “Ich habe sie zurücklassen müssen, damit die Kollektoren sich auf sie konzentrierten und nicht auf uns.” Er schluckte laut, als die Wahrheit über seine Lippen gekommen war.
Laurel Harris, die während dem gesamten Gespräches gestanden hatte, trat nun näher an den Bären von Mann heran und griff nach der großen Pranke. “Ich kenne mich nicht mit dem Militär aus. Ich kann mir kaum vorstellen, was dort vorgefallen ist. Aber ich kann ihnen eins sagen: Dieses Opfer musste gebracht werden. Hätten diese tapferen Männe sich nicht geopfert, wären die Kollinisten und ihr gesamter Trupp gestorben. Dazu wären die Information verloren gegangen. Sprich die Mission wäre komplett gescheitert und niemand damit geholfen.”
“Die Information hat nie jemanden geholfen.” Verdutzt zog die junge Frau eine helle Augenbraue in die Höhe. Erklärend fügte James hinzu: “Shepard hat die Kollektorenbasis zerstört, noch bevor man meine Informationen deuten konnte.”
“Hassen Sie Shepard dafür?”
Verwundert starrte er Laurel an. Er hatte nie die Schuld bei Shepard gesucht. Immerhin hatte sein Einsatz die Galaxie gerettet. Ohne den Mann von der Erde, läge er nun nicht mehr hier. Langsam schüttelte James den Kopf und Laurel lachte kurz auf. “Sie sind wirklich seltsam. Wenn Commander Shepard nichts dafür kann, dann können Sie genau so wenig dafür. Oder meinen Sie, er hätte etwas anderes getan? Man muss immer an das große Ganze denken. Sonst wäre jeder Krieg, jeder Kampf zwecklos. Immer sterben Lebewesen, James. Daran kann man gar nichts ändern.”

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