Sonntag, 25. November 2012

Wahre Worte

Der Unterricht war hart. Physisch stellte er für keinen der Schüler eine Herausforderung da, was wohl daran lag, dass sie nur auf ihren Stühlen sitzen mussten. Auch wenn diese alles andere als bequem waren, ließ es sich in dieser Position doch mehrere Stunden aushalten. 
Das Anstrengende war der Lernstoff, den die Klasse, bestehend aus knapp zwanzig Schülern im Alter rund um achtzehn, nun schon seit zwei Stunden verinnerlichen sollte. Dabei ging es um etwas weniger spannendes, wie den Aufbau eines Kreuzers. Denn jeder Schüler, auf dessen dunkelblauer Uniform zwei Flügel genäht worden waren, hatte sich bereits für sein gesamtes restliches Leben als Pilot verpflichtet. Natürlich konnte man noch umsatteln und sich später durch feindliche Einheiten metzeln, aber das war eher etwas für diejenigen, die das Gefühl eine schwere Waffe in den Händen zu halten, mochten. Auf Olivia traf dies keinesfalls zu. Es graute der heranwachsende Frau schon bei dem Gedanken das, was sie während der Sporteinheiten gelernt hatte, umzusetzen. Und so war der Entschluss irgendwann einmal Flight Lieutenant zu werden, schon nach kurzer Zeit in der Allianzakademie herangereift. Und auch wenn der Unterricht sich hauptsächlich auf die Theorie stürzte, hatte das Mädchen diese Entscheidung keine einzige Sekunde bereut. 
Man sah Olivia deutlich ihre russische Herkunft an, auch wenn es durch die vielen Kontaktmöglichkeiten auf der Erde kaum noch so etwas gab, wie eine typische Russin. Der Großteil der Menschheit hatte eine eher dunklere Hautfarbe, oder chinesische Vorfahren. Anders Olivia Rostav. Ihr kantiges und geradliniges Gesicht sorgten mit dem braunen Haar, dass sie während des Unterrichts zu einem Dutt gebunden hatte, für ein strenges und eben russisches Aussehen. Da tat ihr Nachname sein Übriges. 
Als eine schrille Klingel das Ende für den heutigen Schultag verkündete, seufzte das, mit ihren ein Meter fünfzig klein geratende, Mädchen erleichtert auf. Ihr Gehirn schien mit jedem Detail über den Aufbau eines Schiffes angeschwollen zu sein, sodass es sich nun anfühlte, als würde ihr Schädel jeden Moment bersten. Bei dem unschönen Gedanken daran, wie Knochensplitter und Gehirnklümpchen den Boden und die Mitschüler verhunzen würden, verzog die kantige Schönheit den Mund. Aus einem ihr unerfindlichen Grund verabscheute sie jegliche Art von Gewalt. Ihr Vater hatte schon der Allianz gedient. Hatte es sogar zu einem N6 geschafft, da war die Veranlagung seiner Tochter bei dem kleinsten Tropfen Blut einen hysterischen Anfall zu erleiden, ungewöhnlich.
Olivia rutschte von dem Stuhl und hätte sich am liebsten erst einmal gestreckt. In der Anwesenheit von siebzehn weiteren Schülern traute sie sich das aber nicht. Also versprach das braunhaarige Mädchen es ihren Gelenken und Muskeln ganz im Stillen. 
Beinah wäre sie ohne ihr Datenpad, der ständige Begleiter auf dem Weg von einem Klassenzimmer in das nächste, aufgesprungen. Im letzten Moment klemmte sie es sich unter den Arm und ging dann auch schon einem humpelnden, schmächtigen Jungen nach, der sich auf einem hässlichen Metallrohr abstützte. Der meist stille Junge erhob sich, wenn auch unter Anstrengung, von seinem Platz, sobald die Glocke ertönte und war deswegen oft schon auf dem Gang, wenn seine Mitschüler noch Gespräche in den Klassenzimmer begannen. “Livy, willst du noch mit zu mir kommen? Ich habe einen neuen Film”, bot Brad, ein großer Schüler, der eher aussah wie ein Mann und Kämpfer, ihr noch an und stellte sich ungehobelt in ihr Blickfeld, sodass sie ihr eigentliches Ziel aus den Augen verlor.
“Nein danke”, schmetterte sie seinen Anmachversuch mit monotoner Stimme ab, bevor Olivia sich an ihm vorbeidrängte und nun ebenfalls auf dem breiten, weißen Gang ankam. Humpelnd und langsam, wie ihr Mitschüler eben war, hatte der dunkelhaarige Junge erst die nächste Abzweigung erreicht, wo andere ihn bereits überholt hatten. “Jeff, warte doch einmal!”, rief Olivia ihm hinterher und beeilte sich Anschluss zu finden, was bei seinem Tempo keine besondere Herausforderung war. 
Beide waren dünn, beinah schlaksig. Anders als bei Livy, die einfach sehr nach ihrer Mutter kam, lag es bei Jeff daran, dass er durch seine Krankheit am Sport nicht teilnehmen durfte und so kaum Muskeln aufbaute. Jeff Moreau war der einzige Schüler auf der Akademie, der Glasknochen hatte, der darunter litt. Früher war er in Selbstmitleid versunken, zumindest hatte es für die Siebzehnjährige so ausgesehen. Erst vor einigen Monaten hatte sie sich, nach Jahren des stillen Hinterherschmachtens, getraut den klügsten der Klasse, wenn nicht der gesamten Akademie, anzusprechen. 
Zwar litt Jeff immer noch unter der körperlichen Einschränkung, doch all seinen Frust verwandelte er in Willenskraft alles zu erreichen, was er sich vornahm. Und bis jetzt sah es ganz danach aus, als würde das auch hervorragend funktionieren. In zwei Jahren würde er seinen Abschluss machen und Olivias Meinung nach, würde Jeff der Beste sein. Doch da konnte sie nicht ganz objektiv bleiben. Schon fünf Jahren, einer verdammt langen Zeit, konnte sie sich außerhalb der Unterrichtsstunden auf nichts anderes, als auf den sarkastischen Jungen konzentrieren. 
“Ich dachte du könntest locker mithalten”, gab er mit ernster Miene zurück. Vor lauter Anstrengung und dem Drang besser zu sein, als jeder andere, lachte Jeff nie. Nicht einmal zu einem kleinen Lächeln ließ er sich hinreißen. Dennoch konnte Olivia gut zwischen einer ernsthaften Beleidigung und einem stichelnden Kommentar unterscheiden. Genau deswegen stahl sich auch ein schmales Lächeln auf ihre Lippen. Sie konnte aber auch schlecht ohne dieses mit ihrem Schwarm sprechen.
“Ich hätte wohl mehr Sport machen sollen. Oder meine Gelenke sind einfach vom stundenlangen Sitzen noch eingerostet. Wobei ich kaum glauben kann, dass es so etwas gibt. Aber was soll’s.” Wieder einmal sprach die durchaus kluge Schülerin in Anwesenheit Jeffs, oder wie er meist nur genannt wurde, Jokers ausnahmslos völligen Unsinn. Ihn selber schien es nicht zu stören. Manchmal sah es sogar danach aus, als würde er den Redeschwall des brünetten Teenagers genießen. Seine grünlichen Augen glitten zu Olivia, die sich an dem Blick festklammerte, bis ihr Lächeln größer wurde. Zu ihrem Unglück wusste sie auch noch, dass sie sich komplett lächerlich machte, sobald der Außenseiter auch nur in der Nähe war. Ständig ließ sie etwas fallen, stotterte plötzlich oder lächelte dümmlich, so wie in diesem Fall. “Wollen wir heute in der Cafeteria zusammen sitzen? Ich hab gehört, sie haben es endlich einmal geschafft frischen Salat zu bekommen.”
“Wir sitzen doch Monaten immer am selben Tisch. Trotzdem fragst du jedes Mal, Olivia.” Jeff gehörte zu den wenigen Menschen, neben ihren Eltern, die sie mit dem vollen Namen ansprachen. Die meisten Klassenkameraden benutzen die Abkürzung, weil sie fanden, Olivia höre sich viel zu alt an. Dem Mädchen selber gefiel ihr Name und noch mehr gefiel er ihr, wenn Joker ihn aussprach.
Noch immer konnte sie sich nicht recht an den Gedanken gewöhnen, dass die beiden Freunde waren. Eigentlich war sie sich dabei immer noch nicht ganz so sicher. 
Die beiden verbrachten den Großteil ihrer Freizeit zusammen, aßen an dem gleichen Tisch und unterhielten sich auch ständig. Trotzdem wirkte Joker einfach immer so, als würde er auch mit jedem anderen sprechen, was dafür sprechen würde, dass sie eben doch keine richtigen Freunde waren. Diesen Gedanken jedoch auszusprechen und Joker dazu zu bringen ihr eine klare Antwort zu geben, traute Olivia sich nicht. “Ich weiß auch nicht”, gab das beschämte Mädchen nach einer Weile zurück, “ich muss mich irgendwie einfach versichern, dass es immer noch so ist.”
“Mh?” Nun deutlich interessiert blieb Jeff stehen und lehnte sich, leise ächzend, an eine Wand. So ganz wusste Olivia auch nicht, was sie sagen sollte, was sie nun erwidern sollte. Ihre blauen Augen wanderten zu ihren Füßen, die die einheitlichen und unschönen Schuhe der Akademie trugen. Du kannst doch nicht ewig vor dich hin murmeln. 
“Es ist einfach etwas besonderes mit dir Zeit zu verbringen. Deine Willenskraft ist ansteckend, weißt du? Du lässt dich einfach durch keine Herausforderung abschrecken. Ich habe letztens mitbekommen, wie du bei Mr. Fross gefragt hast, ob du nicht doch beim Sportunterricht teilnehmen könntest. Jeder andere hätte sich davor gedrückt, aber …”
“Ich nicht.”
“Du nicht”, bestätigte Olivia mit einem zuversichtlichen Grinsen. 
Diese Ausgelassenheit und Freude verlieh ihrem Gesicht eine sanfte Note, erhellte ihre Züge und machte sie, dass musste selbst Joker zugeben, um einiges attraktiver. Und das allererste Mal seit die beiden Schüler sich kannten, betrachtete er sie nicht aus den Augen eines ehrgeizigen Schülers, sondern aus denen eines heranwachsenden Mannes. Mit den wachen Blick, den dichten Wimpern und der zierlichen Nase sah Olivia allein in dem Gesicht hübsch aus und trotz ihrer geringen Körpergröße und ihrer Statur, hatte sie durchaus weibliche Züge an sich. 
Das erste Mal seit dem Beginn ihrer Freundschaft, schämte Jeff sich. Sie war ein kluges, schönes Mädchen, dass eigentlich sogar als beliebt galt. Und er war ein verbitterte, hinkender Streber, dem es einzig und allein immer um das Ziel ging. Für ihn gab es keinen ersichtlichen Grund, wieso das braunhaarige Mädchen ausgerechnet Zeit mit ihm verbringen sollte. Außer vielleicht aus Mitleid. Und das war schlimmer, als jeder Spott, jeder Hohn. Der Junge hatte Mitleid noch nie vertragen können. Nicht als er ein kleiner Junge gewesen war, und auch nicht mit achtzehn Jahren auf der Akademie der Allianz. Wut staute sich urplötzlich in ihm auf. Wut auf sich, Wut auf seine dummen Glasknochen, die ihn zum Krüppel gemacht hatten und unlogischer Weise auch Wut auf Olivia, die Tag für Tag hinter ihm herspazierte, um aufzupassen, dass der arme Jeff ja nie hinfiel. 
Dem Mädchen schien die Stimmungsumschwung nicht aufgefallen zu sein, sie sah aus ihren großen Augen Jeff an mit einem so breiten Grinsen auf den Lippen an, dass es nur noch falsch sein konnte. “Hast du etwa Mitleid mit mir?”, blaffte Joker sie an und vergaß dabei ganz seinen Vorsatz sich nie wieder auf seine Krankheit reduzieren zu wollen. Auf den Gedanken, dass Olivia Zeit mit ihm verbrachte, weil er klug und witzig war, kam er in diesem Moment gar nicht. 
“Nein, also doch. Als wir kleiner waren, aber was hat das denn jetzt hier zu suchen? Jeff? Verdammt, Joker, bleib stehen!”
Es brach dem Mädchen fast das Herz, als ihr Freund, denn nur bei dem Verlust eines Freundes konnte das Herz so schmerzen, stur und wahrscheinlich unter Schmerzen davon hinkte. Seine Schritte waren eindeutig schneller als sonst, doch dass schaffte er nur, indem er die Zähne zusammen bis und sich einfach darauf verließ, dass in diesem Moment kein Knochen nachgeben würde.
So einfach ließ Livy sich aber nicht abschütteln. Mit Tränen in den blauen Augen lief sie ihm hinterher, stellte sich ihm sogar in den Weg. Doch Jeff vermied jeden Augenkontakt und umging sie einfach, als wäre sie ein doofes Hindernis, das man eben überwinden musste.

Seit diesem Zeitpunkt hatten die beiden keinen Kontakt mehr. Joker, viel zu stolz, um sein eigenes Fehlverhalten zuzugeben, vermied jeden Blick auf Olivia, die an dem Auseinandergehen noch einige Monate zu knabbern hatte, ehe sie nicht immer wieder zu ihm herübersah, die Augen wässrig und verklärt und rotgerändert. Und nach dem Abschluss, den beide mit Bravour machten, sah Jeff seine ehemalige Freundin auch nicht wieder. Ab und an dachte er an sie, besonders in der Zeit, bevor er Shepard kennenlernte. Die Zeit mit ihm war mehr als einmal lebensbedrohlich gewesen, sodass er viel zu beschäftigt gewesen war, an die vergangene Zeit zu denken. Erst als er einen Ausflug zu der Citadel machte, erinnerte er sich an Olivia, das kleine, zierliche Mädchen aus Russland. Er hatte nur durch zweite Hand erfahren, dass sie, nach einer kurzen Karriere als Pilotin, als gute Pilotin, Lehrkraft an der Grissom-Akademie geworden war. 
Und als Jeff Moreau auf einem Bildschirm die erschreckenden Bilder der zerstörten Akademie sah und die Zahl der Toten las, konnte er nicht umhin, dass sein Herz schmerzte. Auch wenn der Kontakt seit Jahren nicht mehr bestanden hatte, war Olivia doch die erste Person gewesen, die ihm bestätigt hatte, was er immer gehofft hatte, dass er zu den Besten gehörte. Er hatte noch genau ihre mädchenhafte Stimme im Ohr, als sie ihm im Alter von sechzehn nach einer Prüfung gesagt hatte: 
“Du wirst nicht gut sein. Du wirst nicht einmal großartig sein. Du wirst der beste verdammte Pilot der Allianz sein.”

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen