Montag, 17. Dezember 2012

Über allem stand die Gerechtigkeit

Ehre
“Wie kannst du uns nur so etwas antun?”, fragte Ferys aufgebracht und starrte auf das Hologramm ihres Bruders, der nur leicht das Gesicht verzog. Beide hatten die Diskussion leid, jedoch konnte die Turianerin nicht einfach so hinnehmen, dass ihr einziger Bruder, den sie jahrelang verehrt hatte, sich von der Familia abwandte und stattdessen versuchte der Welt ohne Gesetzen seine eigenen Regeln aufzuzwängen. “Hat Vater dir gesagt, dass du mich wieder kontaktieren sollst?”
Bei ihren Gesprächen, die sie von Zeit zur Zeit führten, kam stets diese Frage. Viele hätten bei dieser Frage gedacht, dass der Mann ihr Vorwürfe machte. Doch Ferys, die gerade mal ihre Ausbildung beendet hatte und in die Fußstapfen ihres Vaters treten wollte bei der C-Sicherheit für Recht und Ordnung zu sorgen, wusste es besser. Garrus wollte sich erkundigen, ob der strenge Vater noch von ihm sprach. Tiefe Trauer griff nach dem Herzen der jungen Frau, als ihre Schultern sich leicht senkten und sie an dem Stoff ihrer Kleidung fingerte. Jedes Mal aufs Neue brach es ihr beinah das Herz ihrem Bruder die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Die Kommunikation über die Komm-Bake war das persönlichste, was die beiden Geschwister die letzten Jahre gehabt hatten. “Garrus, er spricht nicht mehr von dir.” Ferys suchte beinah verzweifelt den Augenkontakt. Die hellen Augen ihres Bruders zuckten zur Seite, sie hatte dennoch den Schmerz darin gesehen. Rekkus Vakarian war ein strenger, sehr auf Ordnung bedachter Mann, dem die Einhaltung von Regeln am wichtigsten war. Danach kam das Gesetz als ganzes, seine Arbeit und erst dann kamen seine beiden Kinder, die schon früh damit hatten leben müssen, dass sie, wenn sie die Gunst ihres Vaters ergattern wollten, brav und gut sein mussten. Anfangs hatte das Geschwisterpaar dies auch geschafft, sie hatten nie daran geglaubt, dass die Auffassung von Recht, die Rekkus hatte, falsch sein könnte. Erst nachdem Garrus gemerkt hatte, dass er als C-Sicherheitsbeamter nicht viel machen konnte, hatte auch seine jüngere Schwester Ferys begriffen, dass eine eigene Meinung wichtig war. Im Gegensatz zu ihrem Bruder, der viele falsche Sachen aus den richtigen Gründen machte, lag ihr etwas daran den Familienfrieden zu wahren. Unter Umständen hätte sich der Turianer auch noch an die Einschränkungen gewöhnt und alles hätte wieder besser werden können, wäre nicht dieser Menschencommander Shepard aufgetaucht. Er hatte Garrus dazu verleitet seine Familie hinter sich zu lassen und sich selbst über das Gesetz zu stellen. Etwas was Rekkus seinem einzigen Sohn wohl nie verzeihen würde. Beide wussten das, trotzdem sagte Ferys: “Komm zurück, Garrus. Vielleicht kannst du ja Ausbilder werden, oder du steigst wieder bei der C-Sicherheit ein.”
Sie ignorierte das Schnauben von Garrus und fuhr fort: “Vater würde dir bestimmt verzeihen!”
So lange hatte Ferys ihrem Bruder nachgeeifert, hatte ihn in Schutz genommen, selbst wenn er seine Entscheidungen nicht verstanden hatte. Selbst jetzt, wo er auf einer Raumstation saß und gegen die Söldnereinheiten kämpfte, versuchte sie verzweifelt ihm zu helfen und ihn nicht zu verlieren.
Nachdem Shepard gestorben war, hatte sowohl sie, als auch der Vater gehofft, dass Garrus zur Besinnung kommen würde, dass sie wieder eine Familie sein würden. All diese Hoffnung lag nun in Stücken vor ihr, zerbrochen an dem Drang ihres Bruders die Welt zu verbessern.
Das orange Bild ihres Bruders flackerte kurz, während wohl beide darüber nachdachten, was sie jemanden sagen konnten, der sie nicht mehr verstand. Einst hatten die beiden sich stumm und blind verstanden, Shepard schien all dies zerstört zu haben. Es fiel Ferys leicht alle Schuld dem toten Spectre zu geben, als einzusehen, dass Garrus einfach nicht wie sie oder Rekkus war. Er wollte den Schwachen helfen, egal ob das Gesetz es ihm verbot oder nicht. “Ferys, wir beide wissen, dass er mir das nie verzeihen würde. Ich habe mit einem Spectre zusammengearbeitet, allein das muss ihn doch in den Wahnsinn treiben. Wahrscheinlich ignoriert er einfach, dass wir die Citadel gerettet haben, nicht wahr? Ihm fiel es schon immer leicht über so etwas hinwegzusehen. Für ihn bin ich nur ein Gesetzesbrecher.” Erschrocken weiteten sich die blauen Augen der jungen Frau. Es war beängstigend, wie gut Garrus die Wahrheit getroffen hatte. Beide schwiegen erneut. Sie hätten auch für immer schweigen können, solange die Turianerin wüsste, dass es dem Mann gut ginge. Allein dass er am Leben war, erschien ihr wie ein Wunder. Wer konnte schon sagen, dass er fast alleine an diesem schrecklichen Ort überlebt hatte?
“Geht es dir gut?”, fragte Ferys, nur um noch einmal sicher zu gehen.
“Mit mir ist alles in Ordnung”, kam die zweistimmige Antwort. Anders als bei den Menschen, hörte er sich bei den Turianern stets so an, als würden zwei Personen gleichzeitig sprechen.
Garrus trug seine Panzerung. Er trug immer die Panzerung, wenn die beiden sich sahen, was sowieso schon viel zu selten war. Oft hinterließ sie Nachrichten auf seinem Terminal, doch die ignorierte er weitgehend. Und wenn er dann mal Kontakt mit ihr aufnahm, war er bis zu den Zähnen bewaffnet, als würde er erst mit Ferys sprechen, wenn es sein könnte, dass er in den nächsten Stunden stirbt. “Gib Acht auf dich, verstanden? Sonst schwöre ich, dass ich dich suchen und töten werde, Garrus Vakarian!” Die Stimme der jungen Schwester hatte sich geändert. Sie hörte sich jetzt mehr nach der Soldatin an, die sie eigentlich war. Es half Ferys so zu sprechen. Dann fühlte sie sich stark und so, als könnte sie Garrus im Ernstfall wirklich helfen.
Gerade setzte der Turianer zu einer Antwort an, da hörte Ferys das heftige Klopfen von jemanden, der es wirklich eilig hatte. Ohne sich zu verabschieden beendete Garrus die Übertragung und Ferys stand alleine in ihrer kleinen Wohnung, die direkt über der ihres Vaters lag. Obwohl es Rekkus vor allem um Regeln ging, wollte er seine Tochter nicht genauso verlieren, wie seinen Sohn.
“Bitte stirb jetzt nicht, Bruder”, hauchte sie der trostlosen Wand entgegen. Die Turianerin wusste, dass ihr Bruder wirklich ein guter Schütze war, aber sie wusste auch, dass ihm das nicht helfen würde, wenn zehn Kroganer über ihn herfallen würden.

In dieser Nacht starb Garrus Vakarian nicht. Ihm geschah etwas viel schlimmeres, er verlor sein gesamtes Team. Bei späteren, kürzeren Gesprächen konnte Ferys diese Tatsache nur erahnen. Ihr Bruder schien sich schuldig zu fühlen, alles an ihm schrie nach Vergeltung und Rache. Jedoch konnte sie nie herausfinden, was genau passiert war. Jedes Mal, wenn sie das Gespräch darauf lenkte, blockte Garrus ab und beendete kurze Zeit später auch schon das Gespräch. Doch auch so hatte Ferys das Gefühl, dass der Bruder ihr immer mehr entglitt. Ihrem Vater entging das nicht. Zwar sprach er aufgrund dieser Tatsache wieder von seinem Sohn, jedoch nicht so, wie die junge Frau es sich erhofft hatte.
Monatelang brach der Kontakt zu Garrus ab. Ferys, die bis jetzt vermieden hatte zur Citadel zu reisen, fand in der Nacht kaum noch Schlaf, so groß war die Angst, dass der Schütze eine Schlacht verloren hatte. Dann hätte die Welt ohne Gesetz ein weiteres, sinnloses Opfer gefordert.
Es dauerte beinah ein ganzes Jahr, bis die eine Nachricht auf ihrem Terminal erschien. Hastig sprang die junge Frau von ihrem Stuhl auf nahm sofort das Gespräch entgegen. So reagierte sie stets, immer in der Hoffnung ihr Bruder könnte sich wieder melden. Statt dem so vertrauten Gesicht ihres Bruders zu sehen, erschien ein Menschengesicht vor ihr. Die Narben auf der einen Seite seines Gesichts hatten ihn verändert, und Ferys konnte kaum glauben, dass vor ihr der tot geglaubte Commander Shepard stand, wenn auch nicht leibhaftig. Ihre blauen Augen funkelten feindselig, gab sie ihm doch immer noch die Schuld an dem Wandel ihres Bruders. “Sie sind tot.”
“Nicht ganz”, kam die knappe Antwort. Er schien diese Aussage schon oft gehört zu haben, so wie er darauf reagierte.
Ferys konnte es kaum fassen, sie unterhielt sich mit einem Toten. Die Nachricht, dass Shepard, der Retter der Galaxie zumindest verschwunden war, hatte wochenlang das Fernsehprogramm bestimmt. Und was wollte der Menschenspectre überhaupt von ihr?
“Also Spectre, was wollen Sie?” Sie wusste nicht wirklich was sie erwartet hatte. Ferys wusste nicht einmal, wieso sie das Gespräch nicht sofort beendete. Dies war nicht ihr Bruder, dies war ein toter Mensch, der anscheinend wieder lebte und nun mit der Schwester seines Gefährten sprach.
Es war, zumindest bei den Turianern, bekannt gewesen, dass sich der Sohn einer langen Folge von C-Sicherheitsbeamten dem Commander angeschlossen hatte, um gegen Saren ermitteln zu können. Ihr Vater hatte vielleicht auch so heftig reagiert, weil es eine Schande war aus dem Dienst auszutreten und erst recht, wenn man einem Menschen hilft. Rekkus Vakarian hatte im Krieg gegen die Menschen gekämpft und viele Kameraden verloren.
Ferys hatte von ihrem Bruder auch erfahren, dass die beiden nicht nur Gefährten waren. Er hatte gesagt, dass er in Shepard jemanden gefunden hatte, der seine Ansichten für Gerechtigkeit teilte.
“Ich bin kein Spectre mehr. Und ich muss dich wohl kaum fragen, ob du seine Schwester bist.” Allein die Tatsache, dass der Retter kein Spectre mehr war, ließ die Turianerin erahnen, dass irgendetwas mit seinem Wiederauftauchen nicht in Ordnung war. Dazu kam dann auch noch, dass er sie duzte. Man duzte nur Freunde, höchstens.
Doch wenigstens hatte die junge Frau nun die Gewissheit, dass es um Garrus ging. Worum auch sonst? Warum sollte er sie sonst kontaktieren? Wieder streckte die Angst ihre Klauen nach dem Leib Ferys aus, doch sie versuchte dem Griff zu entkommen. “Ist etwas mit ihm passiert?”, versuchte sie so unpersönlich wie nur möglich zu fragen. Anscheinend war der Versuch missglückt, denn ein leichtes Lächeln glitt über die Lippen des Mannes. “Er war schon vorher nicht schön, da ändern auch die Narben nichts.”
“Narben?”, fragte Ferys fassungslos, ehe sie sich wieder zusammenriss und wie ihr Vater wirken wollte. Garrus war verletzt, aber zum Glück war er nicht tot. Zumindest noch nicht. Es hieß, dass Shepard schon vorher so gefährliche Missionen gemacht hatte, dass sie mörderisch gewesen waren. Wenn Garrus nun wieder bei ihm war, konnte es jederzeit sein, dass er starb.
“Eine kleine Auseinandersetzung auf Omega. Aber eigentlich wollte ich nur, dass du nun weißt, über welchen Terminal du ihn erreichen kannst. Der Junge macht sich Gedanken, um alles mögliche. Vielleicht schafft es seine Schwester ihn aufzuheitern.”
Ihn aufheitern. Das war nie die Stärke Ferys gewesen. Und sie wollte nicht wissen über welchen Terminal sie ihren Bruder erreichen konnte. Sie wollte ihn wieder in die Arme schließen, sie wollte ihn riechen und mit ihm persönlich sprechen. Jedoch war er viel zu weit entfernt, wahrscheinlich wieder auf einem Schiff. So weit weg von der Heimat, so weit weg von ihr. Alles zog sich in dem Körper der Soldatin zusammen, bei dem Gedanken daran Garrus nie wieder sehen zu können.
Shepard schien dies zu bemerken, zumindest entschuldigte er sich höflich und beendete dann die Verbindung. Ferys, übermannt von Wut auf ihrem Bruder, aber auch dem unbändigen Wunsch ihn wiederzusehen, schloss sich lange Zeit in ihrer Wohnung ein. Immer wieder nahm sie sich vor den Turianer zu kontaktieren, doch dann dachte sie daran, dass er vielleicht nichts von ihr wissen wollte. Immerhin war es Commander Shepard und nicht er gewesen, der sich gemeldet hatte. Außerdem war es vielleicht gefährlich für Garrus, wenn sie Kontakt zu ihm aufnahm. Vielleicht würde die Citadel irgendwie denken, dass ihr Bruder ein Verräter war.
Nie meldete sich einer der beiden. Nie wieder hatten sie Kontakt zu einander, oder sprachen von einander. Bis Garrus Vakarian seinem Freund Shepard erzählte, dass sowohl sein Vater, als auch seine Schwester sich auf Palaven befanden, wo die Reaper alles in Schutt und Asche legten

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